SIMONE MOLITOR

Die Rotstifte sind gewetzt. Ob Fehler, Witz, Versäumnis oder schlecht sitzendes Kleidungsstück. Nichts bleibt mehr unkommentiert, unanalysiert und folgenlos. Versprechen, denen keine Taten folgten, werden angeprangert. Kurzum, je näher die Parlamentswahl rückt, desto erbarmungsloser wird die bisherige Regierungsarbeit unter die Lupe genommen und natürlich umso strenger bewertet. Mit dem Rotstift einmal quer übers Regierungsprogramm fegte letztens die Bürgerinitiative „Forum Culture(s)“. 37 Mal wurde die Note „ungenügend“ vergeben. Insgesamt waren 55 Punkte - Wort für Wort dem Kapitel „Kultur“ entnommen - analysiert worden. „Keine Impulse von politischer Seite“. „Fehlender Aktivismus“. „Keine richtige Kulturpolitik“. Es hagelte Kritik.

Kultur bleibt leider Nebensache, dies obwohl sie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Erkannt wurde das längst. „Kultur hat eine fundamentale Bedeutung als Brückenbauerin in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft“, meinte unlängst die derzeit noch amtierende deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters. „Kultur ist der lebendige Herzschlag der Gesellschaft, der Kitt für Europa“, brachte es diesseits der Grenzen Natalie Bloch, Dozentin im Master „Theaterwissenschaft und Interkulturalität“ der Uni Luxemburg in einem Interview auf den Punkt. Und auch Premier Xavier Bettel wird in seiner Eigenschaft als Kulturminister nicht müde, auf die Wichtigkeit hinzuweisen. Die Kultur sei ein wesentlicher Bestandteil der Initiativen dieser Regierung, bemerkte er erst vergangene Woche während einer Pressekonferenz. In der Kulturszene scheint man davon indes nur wenig zu spüren. Entsprechend groß ist die Enttäuschung über die bislang geleistete Arbeit des Duos Bettel/Arendt und natürlich der Vorgängerin Maggy Nagel. Die Liste der Beanstandungen ist lang, zu Recht, immerhin ist das Kapitel „Kultur“ im Regierungsprogramm ebenso umfangreich.

Zweifelsohne wurde der Rotstift vom „Forum Culture(s)“ gelegentlich doch mit etwas zu viel Strenge angesetzt. Wenn etwa das Fazit beim Punkt „promouvoir activement les artistes, leurs oeuvres et leurs créations“ negativ ausfällt, darf man durchaus auf die neue Ausstellungsreihe „Intro_“ im „Konschthaus beim Engel“ hinweisen, mit der Künstlern eine Plattform geboten wird. Auch das neue Archivgesetz, das in der Tat lange auf sich warten ließ, soll sich inzwischen auf der Zielgeraden befinden.

Obwohl also sicherlich nicht jeder getätigte Arbeitsschritt der Ministeriumsverantwortlichen öffentlich thematisiert wird, darf man durchaus daran zweifeln, dass der Großteil der in Aussicht gestellten Kulturvorhaben angesichts ihrer Dimension noch umgesetzt wird. Gewiss hat die aktuelle Koalition einen nicht unwesentlichen Teil dieser Baustellen von den Vorgängerregierungen geerbt. Wer sich nun aber viel vornimmt, schraubt auch die Erwartungen hoch und muss mit einem rauen Gegenwind rechnen, wenn die Umsetzung auf sich warten lässt. Noch bleibt indes Zeit, wichtige Weichen in der Kulturpolitik zu stellen. Der für Ende Juni angekündigte Kulturentwicklungsplan sollte allerdings nicht länger als Vorwand genutzt werden, um in verschiedenen wichtigen Dossiers weiterhin abzuwarten und wertvolle Zeit verstreichen zu lassen.