Als Jean-Claude Juncker am 15. Juli vor das Europaparlament trat und in seiner Rede darum warb, zum Kommissionspräsidenten gewählt zu werde, legte er ein Zehn-Punkte-Programm für die kommende Periode vor. Geschickt, wie man es von ihm gewohnt ist, bediente er damit alle Seiten. Investitionen, Wirtschaftswachstum, Währungsstabilität, ein effektiver Binnenmarkt für digitale Dienstleistungen und für Energie, soziale Mindeststandards für grenzüberschreitend tätige Arbeitnehmer, eine gemeinsame Migrationspolitik und mehr Transparenz bei internationalen Freihandelsabkommen - da fand ein jeder etwas, mit dem er sich identifizieren konnte, ob Sozialist, Grüner oder eher Wirtschaftsliberaler. Und zur Beruhigung der EU-Skeptiker wiederholte er dieser Tage nochmals: „Ich möchte, dass sich die Kommission künftig auf das Wesentliche konzentriert und die Bürger nicht mit der Regulierung ihres Alltags belästigt. Weniger ist für mich deshalb mehr, wenn es um die Aktivitäten der neuen Kommission geht.“

Den Bürokratie- und Regulierungswahn Brüssels herunterschrauben, sich auf das Wesentliche, nämlich Wachstum und Arbeit konzentrieren - das klingt toll und wird auch sicherlich von jedem mit zwei Händen unterschrieben. Dennoch stehen die Ziele der EU in der Energiepolitik fest: Bis 2020 soll der Energieverbrauch um 20 Prozent sinken, geplant, aber von den Ländern noch nicht abgesegnet sind 30 Prozent bis 2030. Was in den letzten Jahren mit Glühbirnen und Kühlschränken begann, dieser Tage für Staubsauger in Kraft tritt, ab November für Wäschetrockner (sie müssen ein energiesparendes „Standard-Baumwollprogramm“ anbieten), von Januar an für Warmhalteplatten von Kaffeemaschinen (spätestens nach 40 Minuten müssen sie sich automatisch abschalten) und von Februar an für Backöfen, Kochfelder und Dunstabzugshauben so alles neu gilt, wird in den nächsten Jahren munter so weitergehen: Im Rahmen der Ökodesign-Richtlinie arbeitet die EU unbeeindruckt an neuen Detailvorgaben für 30 Haushaltsgeräte und andere Produkte - alle alltagstauglich, sonst würde es ja auch wenig Sinn machen. Die Liste der Vorschläge reicht von Fitnessgeräten, Akkuschraubern und Föhnen über Rasenmäher und Smartphones bis hin zu Aufzügen und Gewächshäusern. Fortan wird auch nicht nur der Energieverbrauch geregelt, sondern auch der Verbrauch von Ressourcen insgesamt - etwa wie ein Smartphone entworfen sein muss, um möglichst viele der zur Herstellung verwandten seltenen Rohstoffe leicht wiedergewinnen zu können.

Ob man den Verbrauchern die Entscheidung, ob und wie sie Energie sparen oder welche Geräte sie kaufen wollen, selber überlassen sollte oder eben politischen Druck aufbaut, dass die Industrie nur noch energie- und ressourcensparende Geräte herstellt, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Politiker, die einerseits Energiesparziele festlegen und solche Richtlinien unterstützen sollten es sich aber besser verkneifen, andererseits auf der Empörungswelle über die Brüsseler Regulierungswut mit zu schwimmen. Oder alternativ vorschlagen, wie man den Energiepreis wieder senken kann.