LUXEMBURG
DANIEL OLY

Forscher Ben Thuy am MNHN mit FNR-Preis für seine Forschungsarbeit ausgezeichnet

Auszeichnungen des nationalen Forschungsfonds FNR sind nicht gerade leicht zu bekommen. Solche für besondere wissenschaftliche Arbeiten ebenso; der Paläontologe Dr. Ben Thuy, Experte am Naturmuseum MNHN, erhielt die Auszeichnung vom nationalen Forschungsfonds für seine Forschungsarbeit zu den Stachelhäuter-Fossilien. Den Ausschlag dürfte gegeben haben, dass seine Entdeckung tatsächlich ziemlich einzigartig ist. Thuy und seine Co-Autoren konnten nämlich nachweisen, dass primitive Stachelhäuter zum Ende der Perm-Zeit noch wesentlich länger überlebten, als bisher gedacht.

Am Anfang stehen sandkerngroße Fossilien; Proben, die knapp 230 Millionen Jahre alt sind. Thuy konnte nachweisen, dass die Funde von primitiven Stachelhäutern (wie See- oder Schlangensternen) abstammen, die eigentlich zu diesem Zeitpunkt bereits für knapp 60 Millionen Jahre als ausgestorben galten. „Die Feststellung, dass diese Lebewesen wesentlich später ausgestorben sind, als bislang gedacht, ist schon spektakulär“, erklärt er. Das sei anhand des Fundes datierbar, weil die Forscher den geologischen Kontext aller Funde kennen. „Das dreht unser bisheriges Wissen über Stachelhäuter und ihre Evolution auf den Kopf“, meint Thuy.

Stachelhäuter wie Schlangensterne lösen sich in ihre (sehr kleinen) Einzelteile auf, sobald sie zerfallen. „So wie das menschliche Skelett, nur eben viel kleiner“, weiß Thuy. Dass Schlangenstern-Fossilien sehr gut erhalten sind, ist deshalb eher selten; „dazu müssen sie praktisch direkt konserviert worden sein - indem sie luftdicht bedeckt wurden“, erklärt er. Die Regel sei eher, dass die Fossilien nicht zusammenhängend gefunden werden, sondern mühsam gesammelt werden.

Gründliche Forschung braucht Zeit

Das bedeutet: Sehr viel Sortierarbeit, mit 20-Fach-Vergrößerung unter einem normalen Mikroskop. Dennoch sind die beobachteten Objekte - Platten auf der Seite der „Arme“ des Schlangensterns -kaum größer als ein Sandkorn. Deshalb ist auch Vorsicht bei der Arbeit geboten. „Wir nutzen zur Manipulation nur einen Pinsel anstatt einer Pinzette, um die Platten nicht zu zerstören“, weiß Thuy. Denn die kleinen Platten sind in der Größe im Millimeterbereich. „Da finden sich ganze Welten in Sandform - alles Überreste von Lebewesen“, erklärt er. Das sei auch immer faszinierend für Kinder. „Einzelteile gibt es überall zu finden - die Bestimmung ist die wirkliche Herausforderung.“

Lange Bestimmungsarbeit, der eine Zuordnung folgt. Die gewürdigte Konklusion: „Bei den Funden handelt es sich tatsächlich um primitive Schlangensterne und nicht um ihre moderneren Nachfolger“, erklärt der Wissenschaftler. „Es könnte bei der Entscheidung für die Auszeichnung durchaus eine Rolle gespielt haben, dass die Arbeit diese Funde nicht nur lokalisiert, sondern als weltweites Phänomen nachweisen konnte“, erklärt der Laureat. „Wir haben Funde aus China, Deutschland… quer durch die Welt“, meint er. „Es ist also ein globales Phänomen, nicht nur eine lokale Anekdote.“ Hinzu kommt, dass die Funde aus den verschiedensten Lebensräumen - aus Korallenriffen und der Tiefsee - der Kontinente rund um den Globus geborgen wurden. „Das könnte dieser wissenschaftlichen Arbeit zur Auszeichnung verholfen haben.“ Dabei gilt zu bedenken: Die Kontinente, wie wir sie kennen, gab es zur Zeit, aus der die Funde stammen, noch nicht. Stattdessen gab es in der Trias die Kontinente Laurasia im Norden und Gondwana im Süden - und dazwischen der Ozean Tethys, aus dem die Funde stammen .

Die Grundlage für die neue wissenschaftliche Arbeit leistete dabei bereits eine alte Recherche, an der Thuy gearbeitet hatte: „Wir haben in einer früheren Forschungsarbeit einen Katalog erstellt, um die verschiedenen Arten unabhängig vom Alter identifizieren zu können“, erklärt er. Erkennbar und unterscheidbar sind sie durch kleine Details der überlappenden Platten auf der Seite der Arme. Diese weisen bei manchen Arten etwa Stachel oder andere Details auf. „Auf dieser Grundlage gelang jetzt dieser Durchbruch.“ So habe sich bei erneuter Betrachtung gezeigt, dass die Fossilien bislang nicht korrekt erkannt wurden.

Die Funde also natürlich nicht neu - wie kommt es also, dass Thuy über diese Entdeckung stolpert? „Sie wurden einfach lange falsch identifiziert, weil niemand davon ausging, dass sie überhaupt in diesen Proben existieren könnten“, erklärt er. Dies, weil Wissenschaftler nicht gezielt nach primitiven Schlangensternen in den jüngeren Proben suchten, weil sie als ausgestorben galten. „Das ist so, als würde man einem Säbelzahntiger im Wald begegnen - und ihn für einen Hund halten“, meint Thuy. „Wer nicht erwartet, etwas zu finden, der findet es auch nicht.“

Wie üblich steht die Forschung also nicht still, wie der Forscher betont: „Es gehört zu den Wissenschaften, sich niemals sicher zu sein und alles immer wieder auf die Probe zu stellen, einen Schritt weiter zu gehen.“ Der normale Fortschritt tue sein Übriges. Ob jetzt wohl einige Schulbücher revidiert werden müssen? Thuy will sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen - aber erste Änderungen gebe es schon: „Auf einer Konferenz erklärte mir jüngst ein Kollege, dass er seinen Universitäts-Kurs an die Resultate meiner Arbeit anpassen musste“, meint Thuy. „Das ist schon etwas besonders.“ Außerdem sorge es dafür, dass Luxemburg sich in der Forschungslandschaft einmal mehr einen guten Namen mache.

Wie lange eine gründliche Forschung dauern kann, zeigt die prämierte Arbeit aber auch: „Seit knapp 2010 war ich an dem Thema dran, 2011 gab ich dann die erste Präsentation dazu auf einer Konferenz in Brüssel“, erklärt Thuy. Die Publikation erfolgte schließlich 2017. Wirklich einfach war das nicht: „Wir mussten uns für eine wissenschaftliche Zeitschrift entscheiden, die dem Thema angebracht war“, meint er. „Gleichzeitig mussten wir aber realistisch bleiben - und eine Publikation in ,Nature‘ wäre beispielsweise wesentlich schwerer geworden, weil die Anforderung an die Arbeit sehr viel höher ist.“

Publiziert wurde es schließlich in „Geology“, einer Fach-Zeitschrift die von allen Wissenschaften gelesen wird. „Einer meiner drei ,Peer Reviewer‘ bemängelte zwar Details - eine fehlende Angabe, welche Arten im Besonderen gefunden wurden - aber insgesamt hielt es der Prüfung stand“, erklärt Thuy. Dennoch: Eine vereinfachte Form einer jahrelangen Arbeit auf vier Seiten herunter zu brechen und zudem in knapp 150 Wörtern als Kurzform vorzustellen? „Das war nicht so leicht“, betont er.