LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die „kurze und knackige“ Konversation von heute

„Hallo.“ „Hi.“ „Wie geht’s dir?“. „Gut und selbst?“ „Auch“. „:)“. Mit wem ich diese Konversation geführt habe? Nun, ich würde sagen, dass das kaum von Belang ist, denn ich habe mit jeder Person, der ich regelmäßig schreibe, schon mindestens ein Gespräch nach diesem Muster geführt. 99 Prozent der schriftlichen Kommunikation beginnt heute so - und fast die Hälfte gilt damit als abgeschlossen. Meine These: Die moderne Kommunikation folgt strengen Regeln und Konventionen, alle Gesprächspartner respektieren sie. Folglich ähneln sich die Nachrichten, die Absender scheinen austauschbar. Es bleibt wenig Raum für Kreativität, Spontaneität und Individualität.

Die Frage aller Fragen

Obwohl dieses „Wie geht’s dir?“ in jeder Konversation vorkommt und uns diese Frage damit eigentlich wichtig sein müsste, scheinen wir das oft nur zu schreiben, weil wir nicht wissen, wie wir ein Gespräch sonst beginnen sollen. Wir können einer Person ja auch nicht einfach so mal schreiben, ohne Grund, das schickt sich heute nicht, und deshalb müssen wir einen Anlass erfinden.

Dass uns nicht wirklich etwas an der Frage liegt, die offenbar aus reiner Höflichkeit jedes Gespräch einleitet, damit wurde ich spätestens konfrontiert, als ich, parallel zu der „Wie geht’s“-Frage, gleich noch eine andere Frage an einen meiner Freunde gerichtet habe. Die Reaktion: Die „Wie geht’s“-Frage wurde übergangen als sei sie schmückender Unsinn und es wurde gleich auf mein anderes Anliegen eingegangen. Ich empfand es als Beleidigung, weil mir damit indirekt unterstellt wurde, dass es mich nicht interessiert, wie es der anderen Person geht. Das Gegenteil ist der Fall, ich meine diese Frage ernst, wenn ich sie stelle, und für mich ist sie nicht nur ein fingierter Gesprächsanlass, sondern sogar ein sehr guter Grund, jemandem zu schreiben. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass diese Frage einerseits so viel Raum in unseren Gesprächen einnimmt und andererseits als so sinnentleert und überflüssig angesehen wird.

Daumen hoch…

Noch viel weniger weiß ich, was ich davon halten soll, wenn ich mich mit einem Freund getroffen habe und wir verabschieden uns mit den Worten: „Wir schreiben uns.“ Sollte das nicht viel mehr heißen: „Wir sehen uns“? Wie oft bleibt es dabei doch bei einem leeren Versprechen, dem keine Seite nachgeht und wenn, dann nicht ohne das genaue Kalkül aufgestellt zu haben, wer sich denn zuletzt gemeldet hat und wer jetzt dran ist, dem anderen als erster ein „Hi“ zu schreiben.

Natürlich geht das auch anders. Ich habe einen Facebook-“Freund“, der schickt mir in regelmäßigen Abschnitten einfach einen Daumen, der nach oben zeigt, einfach so, aus heiterem Himmel. Ich weiß beim besten Willen nicht, was er damit ausdrücken möchte. Genau so ergeht es mir, wenn jemand, den ich persönlich nicht kenne, mich auf Facebook „anstupst“. Ja, das macht man wohl heute so und in der Tat erspart man sich da dieses verkrampfte Suchen nach einem Gesprächsanlass. Gleichzeitig nimmt man dem Gespräch so aber vollständig seinen Kontext, stellt es einfach so in den Raum und raubt ihm damit umso mehr seinen Sinn.

Halbherziges Abhaken

Doch würde es bloß bei den Problemen des Gesprächsinhalts bleiben! Die wahren Schwierigkeiten zeigen sich bei der Frage nach dem „Wann“. Wann soll ich schreiben, wann soll ich antworten? Es wäre eigentlich schön, wenn so eine SMS per Post ausgestellt werden würde. Dann würde uns der Druck erspart bleiben, immer erreichbar sein zu müssen und direkt zu reagieren. Immerhin wollen wir unseren Gesprächspartner nicht lange warten lassen. Andererseits haben wir noch andere Pflichten in der „Wirklichkeit“ und können uns nicht immer mit unseren „virtuellen“ Gesprächen aufhalten, auch wenn sich das egozentrisch anhört.

Der Empfänger eines konventionellen Briefes hat dieses Problem nicht. Er hat immer ein paar Tage Zeit, sich mit der Nachricht des Absenders auseinander zu setzen und sich über seine Antwort Gedanken zu machen, eine Zeit, die uns heute nicht gegeben ist. Heute muss alles sofort passieren, möglichst schnell.
Auch hier kann ich ein Paradox erkennen: Wir sind zwar bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um auf Nachrichten zu reagieren, nehmen uns also sofort Zeit füreinander, aber dafür nicht sehr lange. Mehr als einige wenige Minuten können und wollen wir einander nicht geben.

Mehr Emotion

Ich habe mich anzupassen gewusst, kann aber nicht leugnen, dass ich diesen Umstand bedauere. Ich würde gerne längere Nachrichten schreiben, in Ruhe auf alles eingehen, das meine Gesprächspartner mir vermitteln und auch etwas von mir erzählen; ich will in die Tiefe gehen, statt an der Oberfläche zu bleiben, an der jedes Gespräch an Sinn und Herz verliert. Ich will diese Lücken füllen, die zwischen diesen ganzen Smileys und Emoticons bestehen, ich will diesen Daumen, der nach oben zeigt, mit Leben füllen, anstatt es den anderen zu überlassen, ihn zu interpretieren. Ich will, dass ich mit jedem Menschen andere Gespräche führen kann und dass diese sich eben nicht alle ähneln. Wenn ich sehe, was für Korrespondenzen die großen Autoren wie Goethe und Thomas Mann geführt haben, und mir vorstelle, dass von den Schriftstellern unserer Zeit nur einzeilige Nachrichten oder Smileys überliefert sein werden, empfinde ich Bedauern und ein klein wenig Scham.