Es ist schwer herauszufinden wie viele Alben auf das Konto des viel diskutierten und vielleicht meistgelobten Pianisten der Jazzgeschichte gehen - weit über 100 sind es sicher. Als Sideman von renommierten Solisten wie unter anderem Gary Burton oder Kenny Wheeler oder unter eigenem Namen bei dem deutschen Label ECM, das allein schon über 40 CDs des Pianisten und Bandleaders im Angebot hat.
Geboren wurde Keith Jarrett am 8. Mai 1945 im amerikanischen Pennsylvania, lernte Klavier ab seinem 3. Lebensjahr und gab schon mit sieben Jahren als „Wunderkind“ öffentliche Konzerte. Ein Studium am „Berklee College“ brach er vorzeitig ab und zog es vor seine musikalischen Erfahrungen im wirklichen Leben zu sammeln.
Frustriert
Weltruhm erlangte er eigentlich durch den ungeliebtesten und frustrierendsten Job seines Lebens. Von 1969 bis 71 war Keith Jarrett Mitglied in der Band des Startrompeters Miles Davis, durfte aber dort nur Orgel, Synthesizer und Fender Rhodespiano spielen, während Herbie Hancock und Chick Corea am Flügel sassen. Dies war die dritte Station des jungen Jarrett, der, nach einem Jahr bei Art Blakeys „Jazz Messengers“, von 1966 bis 1968 Pianist im Charles Llloyd Quartet war.
Obschon der Newcomer damals schon eigene Platten in Triobesetzung mit Bassist Charlie Haden und Schlagzeuger Paul Motian eingespielt hatte, blieb er 18 Monate bei der Band von Miles und ist u.a. auf den Alben „Live-Evil“ und „Live At Fillmore“ zu hören.Unbezwingbar grenzüberschreitend präsentierte sich der „neue Romantiker“ dann ab 1971 mit spektakulären, weltweit Furore machenden Solokonzerten, wovon das legendäre „Köln Concert“ von 1975, das den Anfang von Jarretts Weltruhm begründet, mit über 3,5 Millionen verkauften Tonträgern, für Puristen noch immer das Nonplusultra der Kunst des Solos ist.
Zeitlos
„Wenn Schubert, Schumann und Brahms heute leben würden, so könnte ihre Musik klingen“ schwärmt Jazzpapst Joachim-Ernst Behrendt. Sicherlich eine zeitlose, Musik. Selbst legendäre Meisterpianisten der Klassikszene wie Arthur Rubinstein oder Glenn Gould bewunderten den kreativen, klischeelosen Interpreten einer völlig neuen Klavierstilistik. Zur gleichen Zeit entstanden aufsehenerregende Aufnahmen mit seinem europäischen Quartett, zu dem der Saxofonist Jan Garbarek mit seinem unverkennbaren Sound gehörte, ein Gegenstück zu dem amerikanischen Quartett mit Dewey Redman am Saxofon, das er teilweise zeitgleich leitete.
Jarrett, der seine Karriere zwei Mal wegen nicht näher definierter Krankheit während Jahren unterbrechen musste, widmet sich seit den 1990er Jahren zunehmend der kompositorischen Tätigkeit und schrieb sinfonische Werke für Streichquartett und größere Ensembles. Bei Liveauftritten sorgten divenhafte Szenen damals häufig für Skandale: Mehrmals unterbrach er Konzerte wegen zu viel Hüsteln im Publikum oder wegen angeblich seine Konzentration störende Fotografen. Allerdings verhandelte Jarrett schon damals keine Verträge unter 100.000 Dollar, eine Gage, die zu der Zeit nur in Popkreisen und bei Klassikern von höchstem Niveau bekannt war. Kaum ein anderer Musiker hat sich in so verschiedenen Gebieten so erfolgreich profiliert wie der Ausnahmepianist Keith Jarrett. Mainstream und Bebop bei Art Blakey, mystische spirituelle Klänge mit Charles Lloyd und Jan Garbarek, wilde Free Jazzeskapaden mit diversen Trios der frühen Jahre, Exkursionen in den Jazzrockbereich mit Miles Davis, extravagante Solokonzerte mit allen klanglichen Facetten und stilistischen Finessen, die ein akustisches Piano hergeben kann.
Klassische Werke
All dies macht den Initiator eines neuen persönlichen, revolutionären und individuellen Pianostils des Modern Jazz zu einem der großen Meister der Jazzgeschichte, ohne aber seine zahlreichen Aufnahmen klassischer Werke von Bach, Mozart und Schostakowitsch zu vergessen. Zusammen mit Gary Peacock am Bass und Jack de Johnette am Schlagzeug schuf Jarrett ein neues Bild des klassischen Piano-Trios, das, in Anlehnung an die bedeutenden Momente eines Bill Evans, jetzt schon als ausschlaggebendes Aushängeschild für die Basis eines jeden neuen Pianisten gilt. Leider hat Jarrett im Laufe dieses Jahres die Auflösung dieses weltberühmten und weltbewegenden Trios angekündigt.
Ein besonders bewegendes Zeugnis einer wegweisenden Epoche des zeitgenössischen Jazz ist das im letzten Jahr erschienene Duoalbum mit dem Kontrabassisten Charlie Haden - nur kurze Zeit vor dessen Tod eingespielt: „The Last Dance“, sparsame, raffiniert dosierte Klänge als markantes Souvenir einer fast 50jährigen Freundschaft und kreativer Partnerschaft.
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