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20 Jahre nach Columbine: Überlebende bangen oft um ihre Kinder

Ihre Kinder an der Schule abzusetzen war für Kacey Ruegsegger Johnson lange Zeit die größte Herausforderung des Tages. Meistens weinte sie, als die Kinder aus dem Auto stiegen, und hangelte sich mithilfe von Text- und Fotonachrichten der Lehrer durch den Tag: Die vierfache Mutter ist eine Überlebende des Amoklaufs an der Columbine High School im US-Staat Colorado vom 20. April 1999. Dabei erschossen zwei Jugendliche zwölf Mitschüler, einen Lehrer und zuletzt sich selbst.

20 Jahre nach der Bluttat sind Ruegsegger Johnson und andere Betroffene der Schule in Littleton selbst Eltern. Sie tragen an den psychischen Folgen des Erlebten und sorgen sich um die Sicherheit ihrer Kinder. „Ich wünschte, es hätte niemals einen Tag gegeben, an dem ich ihnen von den Dingen erzählen musste, die ich durchgemacht habe“, sagt die Mutter.

Lernen, den Klassenraumzu verbarrikadieren

Während die Überlebenden von Columbine erwachsen wurden, erlebten sie, wie die Angriffe auf ihre Schule und etliche weitere - Virginia Tech, Sandy Hook oder Parkland - den Alltag in den Klassenzimmern in den USA veränderten. Heute lernen Schüler dort routinemäßig, sich in ihrem Klassenraum zu verbarrikadieren. Schulen richteten Teams ein, die Drohungen einschätzen, vor allem von Schülern. Sicherheitsfirmen gründeten eine ganz neue Branche und verdienen mit Überwachungsvideos, Alarmtasten und verstärkten Türen und Schlössern Milliarden.

Viele der früheren Columbine-Schüler kämpfen nun mit lähmender Angst, wenn ihre eigenen Kinder zur Schule gehen. Ruegsegger Johnson arbeitete hart daran, ihren posttraumatischen Stress zu verarbeiten. Sie wollte nicht, dass ihre Vergangenheit die Erlebnisse ihrer Kinder beeinträchtigt. Inzwischen sieht sie jeden Morgen als Chance und hat für den Schulweg ein kleines Ritual entwickelt: Wenn sie und die Kinder sich im Auto der Schule nähern, betet sie laut, dankt Gott für den schönen Vormittag und bittet um einen Tag des Lernens unter Freunden. Und stets fügt sie im Stillen eine Bitte hinzu: dass er ihre Kinder behüten möge.

Eher seltenes Phänomen

Auch wenn es zuweilen anders erscheinen mag, kommen Amokläufe in Schulen in den USA relativ selten vor, und ihre Zahl ist seit 2000 nicht wesentlich gestiegen. Doch das ist für viele Eltern kaum ein Trost. Etwa zwei von zehn Eltern sagen, sie hätten kein oder nur wenig Vertrauen in die Sicherheit ihrer Kinder in der Schule. Ein Drittel der Eltern glaubt dagegen, dass die Kinder sicher seien, wie aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP und des Norc-Forschungszentrums für öffentliche Angelegenheiten vom März hervorgeht. Austin Eubanks, der vor 20 Jahren in der Bibliothek von Columbine angeschossen wurde, macht sich keine Sorgen um seine Söhne. Er beklagt vielmehr, dass bewaffnetes Wachpersonal und Notfallübungen für den Fall eines Amoklaufs für sie zur Routine geworden sind - so, wie er als Heranwachsender in Oklahoma seinerzeit Tornado-Übungen absolvieren musste. „Wir sind so wenig bereit, wirklich bedeutende Fortschritte dabei zu machen, das Thema auszuräumen“, sagt Eubanks, der beim Amoklauf 1999 mitansehen musste, wie sein bester Freund starb. „Wir konzentrieren uns einfach darauf, Kindern beizubringen, sich besser zu verstecken, egal, welche seelischen Auswirkungen das auf ihr Leben hat.“

Psychische Belastung

Als Gefahren für die Generation seiner Kinder sieht Eubanks Abkapselung, Depressionen, Suchtverhalten und Selbstmordneigung. Die Folgen kennt er aus eigener Anschauung: Nach dem Amoklauf in der Schule war Eubanks mehr als zehn Jahre lang von verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln abhängig. Heute arbeitet er in einer Einrichtung zur Behandlung von Suchtkranken und reist durchs Land, um seine Geschichte zu erzählen. Seine eigenen Jungen hat er aufgefordert, im Fall eines Überfalls immer zuerst zu versuchen, zu entkommen, auch wenn in den Übungen dazu geraten wird, sich zu verbarrikadieren. „Das sind meine Kinder“, erklärt er, „und ihre Sicherheit geht mir über alles“.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte der Wechsel ihrer Tochter auf die Highschool bei Amy Over eine Panikattacke auslösen können. Doch jetzt konzentriert sie sich darauf, der 13-Jährigen zu helfen, sich auf unerwartete Ereignisse vorzubereiten. Sie gibt ihrer Tochter Verhaltensstrategien mit auf den Weg: Wo ist der nächste Ausgang? Auf welcher Straße befindest du dich? Wer ist in deiner Nähe? Sie wolle verhindern, dass ihre Kinder solch schmerzhafte Erfahrungen machen müssten wie sie selbst, sagt sie.

Over war zum Zeitpunkt des Amoklaufs in der Cafeteria von Columbine und kam ohne körperliche Verletzungen davon, hatte aber psychisch jahrelang zu kämpfen. Eine Therapie und die Unterstützung ihrer Familie halfen. Doch als sie ihrer Tochter am ersten Tag der Vorschule zum Abschied zuwinkte, bekam sie eine Panikattacke - die erste von vielen. Sie begab sich erneut in Therapie und lernte neue Strategien für ihren Alltag als zweifache Mutter.

Ihre Tochter Brie war elf, als sie ihr einige Tage vor dem Jahrestag erstmals von ihren Erlebnissen in Columbine berichtete. An jenem 20. April besuchten sie die Schule zu einer Gedenkfeier und gingen anschließend gemeinsam durch die ruhigen Gänge. Amy Over zeigte ihrer Tochter, wo sie sich in der Cafeteria versteckte und wo sie ihren Basketballtrainer das letzte Mal sah. Er wurde bei dem Amoklauf getötet. Für Over hatte es eine befreiende Wirkung, dass sie sich gegenüber ihrer Tochter öffnete. Seither nehmen beide am Jahrestag regelmäßig an Gedenkveranstaltungen teil. „Es ist ein Tag der Reflexion“, sagt Over. „Es ist ein Tag der Liebe und Hoffnung. Und ich kann das mit meiner Tochter teilen.“