Benoît Majerus, Dozent im Master-Studiengang „Europäische Zeitgeschichte“ an der Universität Luxemburg, hat sich vor drei Jahren zum Ziel gesetzt, den Ersten Weltkrieg „anders“ zu erzählen: Zusammen mit StudentInnen gründete er ein Projekt auf Twitter, das jetzt sogar mit dem „Europäischen Jugendkarlspreis 2015“ belohnt wurde. Die Beteiligten twittern täglich „live“ aus dem Ersten Weltkrieg. „realtimeww1“ inszeniert den Kriegsalltag anhand kurzer Tweets. Mechthild Herzog (24), eine der vielen twitternden Studierenden, und Kursleiter Majerus sprechen in unserem Interview über das Projekt und die Macht der 140 Zeichen.
Wir berichteten bereits 2013 über „realtimeww1“. Damals stand das Projekt noch in den Startlöchern. Was hat sich seitdem getan?
Benoît Majerus Seit unserem letzten Gespräch ist die Zahl der Follower und der Tweets enorm gestiegen. Damals lasen 900 Leute unsere rund 100 Beiträge - heute folgen uns 9.500 und wir haben 2.200 Tweets gepostet! Es haben schon viele Studierende aus den unterschiedlichsten Ländern mitgewirkt. Das hat neue geographische Räume und Themenschwerpunkte geöffnet. Was sich nicht verändert hat, ist die Motivation. Auch, wenn die meisten erstmal überrascht sind, wenn ich das Projekt vorstelle.
Mechthild, wie können wir uns die Arbeit hinter den Kulissen vorstellen? Ist das tägliche Twittern zeitraubend?
Mechthild Herzog Das ist unterschiedlich. Das Projekt wird jährlich von dem aktuellen Master-Jahrgang übernommen. Das heißt, die Mehrheit arbeitet nur ein Semester dran. Für mich persönlich füllt das Ganze mehr Zeit, da ich seit 2012 dabei bin. Ich überprüfe die Tweets täglich auf Inhalt und Sprache, oder fülle Lücken. Das Tweeten gehört also schon zu meinem Alltag.
Hat Twitter sich als geeignetes Medium für die Geschichtsvermittlung erwiesen?
Majerus „Realtimeww1“ ist kein einmaliges Konzept. Es gibt ähnliche Projekte, beispielsweise zum Zweiten Weltkrieg. Twitter eignet sich gut dafür. Geschichte kann und soll durch viele mediale Kanäle erzählt werden.
Herzog Twitter ist ein Medium, das viele Menschen in ihren Hosentaschen auf ihren Smartphones haben - sie können also leicht drauf zugreifen und so entsteht eine gewisse Nähe zum Thema. Soziale Medien sind generell eine wichtige Plattform zur Weitergabe von Wissen.
Stellt die Begrenzung auf 140 Zeichen kein Hindernis dar?
Herzog Natürlich ist es nicht einfach, den Weltkrieg auf so knappem Raum zu erzählen. Aber die Idee dahinter ist ja gerade, den Krieg auf Alltagsmomente herunter zu brechen. Ein großer Vorteil der 140 Zeichen ist: Das versteht jeder. Das erreicht jeden. Dazu muss man sich nicht viel Zeit nehmen, und der einzelne Satz kann mehr Eindruck hinterlassen als ein 30-Seiten-Aufsatz. Andererseits zwingt das Format uns den Kern der Nachricht zu finden und diesen für die Masse verständlich zu machen.
Was sind für Sie die bisherigen Höhepunkte des Projektes?
Herzog Für mich ist jede Rückmeldung von Followern und die persönliche Auseinandersetzung mit dem, was wir tweeten ein Höhepunkt. Der Gewinn des „Europäischen Jugendkarlspreis 2015“ gehört selbstverständlich auch dazu.
Und wie geht es weiter?
Herzog Wir ziehen das Projekt bis 2018/2019 durch. Hoffentlich gibt es Twitter dann noch (lacht).
Link zum Twitter-Channel:
twitter.com/realtimeww1
Weitere Infos zum Projekt:



