NIC. DICKEN

Die Monate März bis Mai sind die Zeit der öffentlichen Vorstellung von Geschäftsberichten und Unternehmensbilanzen, die besonders für börsennotierte Firmen nicht nur eine Pflicht sind, sondern auch genutzt werden, um erfolgreiche Jahresabschlüsse mit möglichst hohen Gewinnsteigerungen gegenüber den Vorjahren als Leistungsnachweis, selbstverständlich in erster Linie der jeweiligen Konzernleitung, ins Fenster zu stellen. Daran ist an sich nichts auszusetzen, sofern denn auch die jeweils wichtigsten Gründe genannt werden, die zum erfolgreichen Ergebnis geführt haben. Und eben diese Gründe sind unter dem Strich nicht immer so positiv, wie sie in verbrämten Zahlen scheinen.

Immer öfter verstecken sich in diesen Zahlen nämlich höchst fragwürdige, unsoziale, ja sogar verwerfliche Methoden der Geschäftsführung, die alle betrieblichen Entscheidungsprozesse ausschließlich der absoluten Profitmaximierung unterordnen und andere, für langfristig ausgerichtete Unternehmen ehemals nicht ganz unbedeutende Begriffe wie Produktqualität, Preisgestaltung, Firmenimage, Sozialbewusstsein und sogar gesellschaftlicher Nutzen weitgehend außer Acht lassen.

Das Zeitalter des Shareholder Value, der einseitigen Orientierung der Unternehmen auf die alleinigen Interessen der Besitzer beziehungsweise Aktionäre, setzt seit 20 Jahren neue Maßstäbe, die nicht länger hingenommen, sondern endlich ernsthaft in Frage gestellt werden sollten. Die neuen Freiheiten, die von den Unternehmen auf nationaler und internationaler Ebene legitim eingefordert wurden, hätten eigentlich einen Gegenpart verlangt, der das Zugeständnis dieser Freiheiten legitimiert und die Begriffsverwirrung um den so genannten Neoliberalismus von vorneherein in die Grenzen hätte verweisen können.

Mit Liberalismus haben viele Gepflogenheiten des modernen Wirtschaftsgebarens nur noch so weit zu tun, wie sich größtmögliche Entfaltungsfreiheit nutzen lässt. Mit echtem Liberalismus zu tun hätte unbedingt auch der Begriff der Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, gegenüber Kunden, gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt, um nur diese zu nennen, die jedoch allesamt der Gier nach zusätzlichem Profit geopfert wurden. Gewinne privatisieren, Lasten und Pflichten sozialisieren, diese Maxime hat bis heute Gültigkeit und mag so gar nicht mehr in eine menschliche Gesellschaft passen, wo generell die Kluft zwischen Armen und Reichen weiter aufgeht, wo nach wie vor Entwicklungsländer um einen fairen Preis für ihre Rohstoffe gebracht werden, wo Milliardengewinne an jeder Besteuerung vorbei eingesäckelt, wo aus reinen Marktinteressen der Hungertod von Millionen Menschen droht und die Platzierung in den Rankings der Milliardäre zu einem globalen Volkssport zu werden droht.

Die Gier der einen nimmt anderen die Existenzgrundlage weg. Dabei würde ein bisschen weniger Gier auf der einen Seite unermesslich viel unverschuldete, beziehungsweise gerade von dieser Gier bedingte Not auf der anderen Seite lindern helfen.

Warum gibt es die Schockbilder auf Tabakpackungen nicht auch in abgewandelter Form auf Geldscheinen?