SANKT GALLEN
CHRISTIAN SPIELMANN

„Matterhorn“, das erste Musical von Albert Hammond - Luxemburgerin Jil Clesse im Ensemble

Als Sänger feierte Albert Hammond Anfang der 1970er Jahre mit den Songs „It Never Rains in Southern California“, „The Free Electric Band“ oder „I’m a Train“ Riesenerfolge. Er komponierte unter anderem auch die Hits „The Air That I Breathe“ für die Hollies, „One Moment in Time“ für Whitney Houston oder „To All the Girls I’ve Loved Before“ für Willie Nelson und Julio Iglesias. Seit 2013 tourt er wieder mit seiner Band und seinen Hits durch die Weltgeschichte und lernte dabei den Texter Michael Kunze kennen. Dieser sprach ihn auf das Komponieren der Musik zu einem Musical an, das die Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 durch Edward Whymper behandelt.

Kunze war von der Geschichte um das Rennen zum Gipfel des bekanntesten Bergs aus der Schweiz begeistert und sah darin genug Potenzial für ein Musical. Hammond stimmte zu. Das Resultat, das Musical „Matterhorn“, feierte am Samstag im Theater Sankt Gallen in der Schweiz Premiere, mit der Luxemburgerin Jil Clesse im Ensemble. Der Inder Shekhar Kapur wurde als Regisseur des Kinofilms „Elizabeth“ (1998) international bekannt. In Sankt Gallen inszenierte er nun sein erstes Musical.

Ehrgeiz und Egoismus

Der Illustrator und Bergsteiger Edward Whymper (Oedo Kuipers) ist zwar Mitglied im elitären Alpine Club in Zermatt, am Fuße des 4.478 Meter hohen Matterhorn, das als unbesteigbar gilt, doch wird er von den anderen, meist adligen Mitgliedern, herabwürdigend behandelt. Seilfabrikant John Buckingham (Dean Welterlen) präsentiert ein scheinbar reißfestes Seil und plant seine Tochter Olivia (Lisa Antoni) mit dem reichen Robert Hadow (Marco Toth) zu vermählen. Whymper bittet den Bergführer Antoine Carrel (Benjamin Oeser), ihn bei der Erklimmung des Matterhorns zu unterstützen. Dieser leitet entgegen aller Versprechen schließlich die italienische Gruppe von Felice Giordano (Reinwald Kranner). Whymper plant den Gipfel von der Schweizer Seite aus zu erreichen. Er kann die Bergführer Vater und Sohn Taugwalder (Martin Kiuntke und Nicolo Soller) und Michel Croz (Michael Souschek) von seiner Idee überzeugen. Auch Hadow, Reverend Charles Hudson (Samuel Tobias Klauser) und Lord Francis Douglas (Timo Verse) wollen ihn begleiten.

Mythologischer Einschlag

Im Musical taucht öfters der Berggeist Orka (Sabrina Weckerlin) auf, ein von Michael Kunze erfundenes Fantasiegeschöpf, das die Schönheit der Natur verkörpert. Auch wenn Weckerlin zu den besten Musical-Sängerinnen im deutschsprachigen Raum zählt, und ihre Intermezzi gesangliche Leckerbissen sind, passt diese Figur nicht unbedingt in diese realistische Geschichte. Luigi Schifano spielt den buckligen Träger Luc Meynet, der nur von Whymper respektvoll behandelt wird. Er ist jedoch ein Countertenor, mit einer wunderbaren Stimme. Einen ersichtlichen Grund für die Besetzung der Rolle mit einem sehr hoch singenden Italiener gibt es direkt nicht, nur in der Vorstellung des Kreativteams.

Musikalisch kann das Werk gefallen, doch einen echten Hitsong sucht man vergebens. Sehr gefällig klingen „Ich fühle keine Liebe“, „Unheilbar verliebt“ oder „Und wär‘ morgen alles zu Ende“. Beeindruckend ist das Bühnenbild von Peter J. Davison. Besonders das Hintergrundbild mit dem Matterhorn, das sich im Wasser spiegelt, erweckt den Eindruck eines Schwerts, das drohend über den Schicksalen der einzelnen Figuren schwebt. Verschiedene Hintergründe werden als Zeichnungen projiziert. So wird im Zusammenspiel mit den Lichteffekten von Michael Grundner bei der Ersteigung des Bergs ein gespenstisches Bild erzeugt.

Dem Niederländer Oedo Kuipers gelang 2015 der Durchbruch im Revival vom Musical „Mozart!“ in Wien. Als Edward überzeugt er besonders durch seine kraftvolle Stimme. Lisa Antoni steht seit Jahren auf den Musical-Bühnen im deutschsprachige Raum und hat ihre Rolle und Stimme stets im Griff. Ja, und unsere luxemburgische Musical-Darstellerin Jil Clesse passte sich ausgezeichnet ins Ensemble ein, sowohl als eine Trachten-tragende Dorfbewohnerin, wie als mystische Begleiterin von Orka, stets mit gekonnten Tanzschritten und einwandfreiem Gesang.

Das Musical läuft noch bis 2019, aber nicht durchgehend. Weitere Informationen und Tickets unter www.theatersg.ch