NIC. DICKEN

Weltreligionen wie Judentum, Christentum oder Islam haben die wesentliche Gemeinsamkeit, dass sie einen einzigen Gott in den Mittelpunkt ihres Glaubensbekenntnisses stellen. Was an sich eigentlich ein vereinigender Faktor sein sollte, hat sich im Lauf der Geschichte jedoch zu einem schier unüberwindlichen Streitobjekt entwickelt, dem zahllose Menschenleben zum Opfer fielen und das bis heute für Verwerfungen bis hin zu offenen Zwistigkeiten und kriegerischen Auseinandersetzungen sorgt.

Obwohl in ihrer Ausrichtung identisch, was eigentlich für Geschlossenheit, enge geistige Zusammengehörigkeit und Nähe bürgen müsste, stehen die gleichen und doch unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten bis in unsere Zeit hinein als trennendes Merkmal zwischen den Zivilisationen und werden nach wie vor mit unerbittlicher Härte und Menschenverachtung ausgetragen. Bis zum heutigen Tag unterscheiden sich die Grundsätze dieser Religionen weniger durch Inhalt und Ausrichtung der Glaubenslehre, also das „Was“, als vielmehr das „Wie“, die Art und Weise, nach der das nach Möglichkeit öffentliche Bekenntnis zur Glaubenszugehörigkeit im täglichen Leben stattzufinden hat.

Differenzen sind dabei im Laufe der Geschichte nicht nur zwischen den einzelnen Religionen als solchen, sondern immer wieder auch innerhalb der Glaubensgemeinschaften aufgetreten, wobei das Judentum als älteste geistliche Institution bis heute zumindest nach außen hin die stärkste Geschlossenheit darstellt. Die Entwicklung des Christentums, genau wie die des Islam, ist geprägt durch interne Auseinandersetzungen und mörderische Prozesse, die zwar wenig mit der eigentlichen Glaubenslehre, dafür aber umso mehr mit den Machtansprüchen der jeweiligen Exponenten zu tun haben.

Wichtig war dabei immer nur die Beeinflussung eines möglichst großen Teils der Gemeinschaft, um die Machtgelüste einiger weniger zu erfüllen. Dass dabei sehr oft die eigentlichen Grundsätze des Glaubens über Bord geworfen wurden und werden, stört am wenigsten. Während in der christlichen Religion seit geraumer Zeit versucht wird, die nach wie vor bestehenden Gräben zwischen Katholiken und Protestanten der verschiedenen Ausrichtungen zu übertünchen, tobt vor allem im Islam derzeit ein unerbittliches Ringen um Macht und Einfluss, das sich über den ganzen Erdball erstreckt und zahllose Menschen, ob mit gleichen oder unterschiedlichen Überzeugungen, in den Tod reißt.

Jüngster Ausdruck dieser an sich in der heutigen Zeit nur schwer nachvollziehbare Auseinandersetzungen ist die Tatsache, dass zur Zeit die gläubigen Moslems aufgerufen sind, zu den Heiligtümern von Mekka zu pilgern, von einem Besuch der Kaaba als höchstem Heiligtum des Islam jedoch etwaige Pilger aus dem Iran ausgeschlossen sind, weil zur Zeit Riad und Teheran politisch zerstritten sind. Soviel also zur Vormachtstellung von Glaube und Religion, die grundsätzlich individuelle Privatsache sind, trotzdem aber immer wieder gerne als Köder genutzt werden, um banale politische Macht zu festigen und auszubauen.