ANNETTE DUSCHINGER

Kaum ist von einer gratis Kinderbetreuung die Rede, werden Leserbriefspalten und Foren heftigst bombardiert mit Beiträgen, die Entlastungen für Eltern fordern, damit sie sich mehr selber um ihre Kinder kümmern können. Die Argumentation lässt dabei arg zu wünschen übrig und es werden teils haarsträubende „Fakten“ genannt. Den Eltern würden die eigenen Kinder immer früher weggenommen und sie müssten so schnell wie möglich nach unserem (Wirtschafts-)System ticken.

„Fakt“ sei, dass immer mehr soziale Probleme aufkommen, immer mehr Kinder Schulprobleme haben, immer öfter die Kinder zu früh auf sich selber gestellt sind. Dazu noch die Kosten, die dem Staat entstehen für die psychologische Unterstützung, die Erwachsene brauchen, wenn in der Kindheit etwas nicht geklappt hat und die Depressionen, die auch ganz gerne aus einem fehlenden Gleichgewicht aus der Kindheit entstehen. Alles natürlich nur bei Erwachsenen, die als Kind fremdbetreut wurden? Und dann die Schilderungen von erleichterten Fünfjährigen, die nicht in die Maison relais müssen, weil sie ja „eng léiw Mamma“ haben - im Gegensatz zu einer bösen Mutter? Einer Rabenmutter? Wissenschaftliche Forschungen werden bemüht, die angeblich ergeben haben, dass Kinder, die zuhause betreut werden, keine Defizite aufweisen und den Vorteil haben, dass Eltern sich intensiver mit ihnen beschäftigen, ihre Interessen und Vorlieben fördern.

Die gratis Kinderbetreuung nimmt den Eltern die Wahl - und die Kinder - weg? Das kann man so wohl kaum stehen lassen. Es ist ja immer noch die Entscheidung der Eltern, ob sie - und wer - zu Hause bleiben möchten oder zu zweit berufstätig sein wollen. Zu unterstellen, dass Frauen - und leider greifen ja gerne die „Gutfrauen und -mütter“ zur Feder - diese Entscheidung aus Sachzwängen, aus politischen Zwängen, aus gesellschaftlichen Zwängen, aber selbstverständlich nicht aus freien Stücken treffen, ist schlicht unerträglich.

Es sei Müttern gerne zugestanden, dass sie die Wahl, die sie für sich selber trafen als die für sich richtige betrachten und ihre Zufriedenheit damit auch öffentlich schildern. Dass Frauen, die für sich entscheiden, ihre Kinder selber zu erziehen, sich aber das Recht anmaßen, diese ihre ureigene Entscheidung als allein gültige und für das Kindeswohl am besten geeignete darzustellen, als Fakt oder wissenschaftlich bewiesen darstellen, dass die einen Kinder glücklich und optimal gefördert, die anderen unglücklich und gestört sind, das ist dann doch zuviel. Zu viel des Glaubenskriegs auf einem unsäglichen Niveau und im Tunnelblick, der einer komplexen Thematik nicht gerecht wird. Seit sechzig Jahren stehen Mädchen und Frauen gleichberechtigt und selbstverständlich Bildungschancen zu. Es ist an der Zeit,ihnen das Recht zuzugestehen, auch etwas daraus machen zu wollen und keine Hierarchie aufzubauen, die die Mutterschaft über alles stellt. Neid, Selbstherrlichkeit und Intoleranz bringen uns in der Diskussion um bessere und gleiche Bildungschancen, um Armutsbekämpfung, um gesellschaftlichen Aufstieg, um Chancengleichheit jedenfalls nicht weiter.