CLAUDE KARGER

Die schreckliche Nachricht machte in unseren Breitengraden kaum Schlagzeilen: Am vergangenen Samstag sprengte sich ein Selbstmordattentäter inmitten einer Hochzeitsgesellschaft in Kabul in die Luft, riss über 60 Menschen mit in den Tod, verletzte Dutzende andere zum Teil schwer und stürzte hunderte in ein Trauma, das viele von ihnen womöglich nie überwinden werden. Aus einem Tag der Freude wurde ein blutiges Massaker. In Afghanistan sind solche Dramen leider an der Tagesordnung.

Was hatten die Opfer getan, um derart grausam bestraft zu werden? Nichts. Sie waren lediglich Schiiten und somit, als Anhänger einer anderen Glaubensrichtung im Islam, „Häretiker“ in den Augen der Sunniten des „Islamischen Staats“, für den Ketzer den Tod verdient haben.

200 Jahre nach der Aufklärung und 70 Jahre nach der allgemeinen Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, die in Artikel 18 Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zusichert, wird auch im 21. Jahrhundert weiter im Namen der Religion diskriminiert, gehasst und gemordet.

In Myanmar hat die Verfolgung der muslimischen Minorität der Rohingya eine Ebene erreicht, die manche bereits als Genozid bezeichnen. Im März erschoss ein Rechtsextremist 51 Menschen in einer Moschee in Christchurch, Neuseeland. Im April gab es in Sri Lanka mehrere hundert Tote bei Bombenanschlägen einer islamistischen Gruppierung auf Kirchen. In Nigeria schlachten die Islamisten von Boko Haram jeden ab, der sich nicht zu ihrer Ideologie bekennt. In Europa ist ein beklemmender Anstieg von antisemitischen Taten, die von Nazi-Schmierereien auf jüdischen Friedhöfen bis hin zu tätlichen Angriffen auf Juden reichen. Die sozialen Medien sind voll des Hasses auf Minoritäten und Aufrufen die „Ungläubigen“ zur Strecke zu bringen. Nur ein paar der unsäglichen Beispiele für die wachsende religiöse Intoleranz in der Welt, die sich immer öfter in Gewalt entlädt. Als „alarmierend“ bezeichnete UN-Generalsekretär Antonio Guterres diese Woche den Anstieg der Zahl der religiös motivierten Angriffe auf Individuen und Gruppen. Diese Aussage tätigte er am Donnerstag im Rahmen des Internationale Tages zum Gedenken an die Opfer von Gewalthandlungen aufgrund der Religion oder der Weltanschauung. Dass dieser Tag in diesem Jahr zum ersten Mal begangen wurde - wohl nicht zufällig am Tag nach dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Terrorismus - ging in der Aktualität ziemlich unter.

Dabei ist das Thema wie gesagt von brennendster Aktualität in einer Welt, in der immer mehr Extremisten die Macht übernehmen, deren Gebrüll sogar wissenschaftliche Erkenntnisse übertönt und die aus machtpolitischen Gründen gezielt Hass zwischen Bevölkerungsgruppen und Glaubensgemeinschaften säen. Sie treten bestimmt nicht gegen alle Formen von Diskriminierungen aufgrund von Glauben oder Weltanschauungen an, wie es sich die UN-Resolution zum vorerwähnten Tag wünscht. Aber es sind nicht nur die Mächtigen, die am Zug sind gegen Fanatiker aller Gattungen. Es ist an uns allen, täglich Toleranz vorzuleben und uns gegen Intoleranz zu stemmen. Glauben soll übrigens jeder können, was er mag. Aber anderen diesen Glauben aufzwingen zu wollen: Ein totales No-Go.