LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Adapto-Debatte: In der Barrierefreiheit in und um den öffentlichen Transport bleibt viel zu tun

Wenn Mobilitätsminister François Bausch (déi gréng) im Herbst die Pläne für die Reform des Beförderungsdiensts Adapto vorstellen soll, werden die Mitglieder von „Nëmme Mat Eis“ ganz genau zuhören. Der Verein, der sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt, wurde positiv von der Petition und ihrem Erfolg überrascht, die mit ihrem Anliegen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität einen kostenlosen Transport anzubieten, binnen weniger Tage die für eine Anhörung im Parlament notwendige Anzahl an Unterschriften erreichte.

„Wir fordern, dass es eine Gleichbehandlung vom Adapto zum öffentlichen Transport gibt, weil es so ist, dass der Adapto die Zugänglichkeitslücken des öffentlichen Transports füllen soll“, sagt dazu Patrick Hurst, der Präsident von „Nëmme Mat Eis“. Wie Joël Delvaux, ebenfalls Mitglied der Organisation, ist er der Ansicht, dass noch viel unternommen werden muss, um die Barrierefreiheit in und um den öffentlichen Transport zu verbessern. Delvaux, ebenfalls Mitglied des hauptstädtischen Gemeinderats, geht beispielsweise davon aus, dass rund 90 Prozent der hauptstädtischen Busse angepasst sind. Bei den Überlandbussen sieht es indes ganz anders aus. Zudem gibt er zu bedenken, dass man in den Spitzenstunden, wenn die Busse randvoll sind, mit einem Rollstuhl nicht auf dieses Verkehrsmittel zurückgreifen kann. Ferner teilen sich Kinderwagen, Menschen mit Rollator und Rollstuhlfahrer die dafür vorgesehenen Plätze. Für die Bemühungen der Eisenbahngesellschaft CFL findet Delvaux, der beruflich für Abteilung Behinderte Arbeitnehmer der Gewerkschaft OGBL tätig ist, positive Worte. „Die CFL ist auf dem guten Weg“. Eines treibt ihn aber um. Obwohl beispielsweise die Strecke zwischen Hauptstadt und Esch/Alzette barrierefrei sei, „muss ich mich trotzdem zwei Tage im Voraus anmelden“, sagt der Rollstuhlfahrer.

Patrick Hurst weist darauf hin, dass lediglich 14 von 87 Bahnhöfen landesweit das Label für Barrierefreiheit tragen. Bei den Bushaltestellen falle das Ergebnis noch schlechter aus. Die Haltestellen an den Bahnhöfen Mersch, Hauptstadt oder Esch seien für Menschen mit Behinderung nutzbar. „An vielen anderen Orten ist das aber noch gar nicht der Fall“. Hurst gibt ebenfalls zu bedenken, dass man über Gehwegmarkierungen und Fahrstühle hinausdenken muss. Wenn beispielsweise mehrere Buslinien eine Haltestelle bedienen und/oder die Busse im schnellen Takt nacheinander Fahrgäste absetzen und mitnehmen. In der Hauptstadt gebe es nun ein Informationssystem. Für die RGTR-Busse gelte das allerdings nicht. „Gute Initiativen hören jedes Mal dort auf, wo auch die jeweilige Kompetenz aufhört“, klagt Hurst, der blind ist.

Auch den Weg zu Bahnhöfen und Bushaltestellen müsse man unter Aspekten der Barrierefreiheit berücksichtigen, also dass Ampeln mit akustischen Signalen ausgestattet oder die Höhe der Bürgersteige angepasst werden. Taktile Blindenleitsysteme, die weiß abgesetzten Bodenplatten mit Rillen oder Noppen, wie man sie immer häufiger sind, seien positive Ansätze. Doch wie sieht es auf der anderen Straßenseite aus, fragt der „Nëmme Mat Eis!“-Präsident.

Die vielen Baustellen derzeit in der Hauptstadt mit manchmal täglich wechselnden Fußgängerführungen machen die Fortbewegung für Menschen mit einer Behinderung, ob sichtbar oder nicht, nicht einfacher. Delvaux sieht allerdings auch positive Entwicklungen. „Man merkt, dass die Sensibilisierung anfängt zu greifen“, sagt er. Doch dass viel zu tun bleibt, ist außer Frage. Als Vorbild im Gespräch fällt immer wieder Trier. Die grenznahe Stadt sei Luxemburg in Sachen Barrierefreiheit und Hilfsbereitschaft um einiges voraus, Busse beispielsweise schon seit mehr als 30 Jahren zugänglich und Fahrgäste würden bereitwillig helfen, die Rampe an Haltestellen rauszuziehen.

Der Adapto-Taxi-Vergleich hinkt ebenso

Wenn der Minister den Adapto-Fahrdienst eher mit einem Taxi-Dienst vergleicht, hinkt dieser Vergleich für „Nëmme Mat Eis!“ zumindest genauso stark. Hurst weiß, dass es schwierig ist, den ADAPTO-Dienst zu Spitzenzeiten oder kurzfristig, auch etwa für den nächsten Tag, beanspruchen zu wollen.. „Man muss ihn mindestens fünf Tage im Voraus bestellen, um sicher zu sein“, sagt Delvaux. „Aber auch dann ist der Transport nicht garantiert“. Ihm zufolge können die an ADAPTO angeschlossenen Dienste Anfragen auch ablehnen, auch wenn man, beispielsweise beruflich, darauf angewiesen ist. Auch die Fahrtzeiten schränken ein. Im Prinzip fahren die Adapto-Busse zwischen 07.00 und 22.00. In der Praxis kann es aber sein, dass der Adapto-Bus erst frühestens um 07.30 vor der Tür stehen kann - berufliche Verpflichtung hin oder her. „Wir unterstehen ihrem guten Willen“, formuliert es Delvaux.

Auch an der willkürlichen Begrenzung auf 15 Freifahrten im Monat stößt sich „Nëmme mat Eis!“. Die Einschränkung sei wohl aufgrund eines Einzelfalls eingeführt worden. „Es gab eine Bestrafung für alle Nutzer aufgrund eines Missbrauchsfalls“, ärgert sich Hurst, der vor allem dann auf den Adapto zurückgreift, wenn er irgendwo hin muss, wo er den Weg nicht auswendig kennt. Auch die ausbleibende Differenzierung wird bemängelt. Eine Hin- und Rückfahrt kostet regulär acht Euro - egal, ob die Fahrt nur ins Nachbardorf oder quer durchs Land geht. Für einen zusätzlichen Zwischenstopp werden nochmal je fünf Euro fällig.

Wie es mit diesen 15 Fahrten weitergeht, steht indes noch nicht fest. Auf Nachfrage im zuständigen Ministerium heißt es, dass sich eine Arbeitsgruppe unter anderem mit dieser Frage befasst. Mit einer Antwort kann demnach im Herbst gerechnet werden.