PASCAL STEINWACHS

„Wenn ein Freihandelsabkommen mit den USA Hunderttausende Menschen auf die Straße bringt, aber die so grausamen Bombardierungen auf Aleppo so gut wie keine Proteste auslösen, dann stimmt irgendwas nicht.“ Das sagen nicht wir, sondern das sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, womit sie natürlich zu hundert Prozent Recht hat, scheint der Syrien-Krieg und die Tragödie von Aleppo den Menschen in Europa - und auch anderswo - doch tatsächlich ziemlich gleichgültig zu sein. Jedenfalls um einiges gleichgültiger als die viel zitierten Chlorhühner, oder, um ein luxemburgisches Beispiel zu geben, eventuelle Benachteiligungen für die Grenzgänger bei der Steuerreform, wogegen hierzulande mehr Menschen auf die Straße gehen, als wenn es gegen das Abschlachten, das Verhungern und das Krepieren von zehntausenden von Menschen - unter den Augen der Weltöffentlichkeit - in Aleppo zu protestieren gilt. Aber bei der Steuerreform geht es ja schließlich auch um Geld und nicht um Menschenleben. So fand sich dieser Tage gerade einmal eine Handvoll von Demonstranten - in erster Linie Syrer - vor der russischen Botschaft in Beggen ein, um gegen das Assad-Regime und seine russischen Verbündeten zu protestieren. Vielleicht finden sich ja bei der unter dem Motto „Stop Bombing Syria“ stehenden Kundgebung, die am 5. Januar Place Clairefontaine geplant ist, mehr Leute ein, aber dann dürfte Aleppo wohl definitiv dem Erdboden gleichgemacht sein.

Zwar geben sich die Leute hier durchaus bestürzt und empört über das Grauen in Aleppo, ehe sie dann aber wieder ihren um diese Jahreszeit normalen Beschäftigungen nachgehen, wie zum Beispiel Geschenke kaufen oder Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken.

Bestürzt gaben sich gestern aber auch die EU-Staats- und Regierungschefs, die in Brüssel zu ihrem letzten Gipfel in diesem Jahr zusammenkamen, und dabei ebenfalls, jetzt, wo es zu spät ist, über die Situation in Syrien sprachen. Wie aus der Abschlusserklärung hervorgeht, will die EU die Kämpfe in Syrien und die Rolle Russlands nun sogar scharf verurteilen, so dass Putin und Assad wahrscheinlich umgehend mit ihren Bombardierungen aufhören werden. Und um der Welt zu zeigen, dass die EU dem Leiden in Aleppo wirklich nicht gleichgültig gegenübersteht, durfte dann sogar der Bürgermeister des zerstörten Ost-Aleppo, der vorgestern auch im Rahmen einer Konferenz in Luxemburg war, direkt in der Runde der EU-Chefs sprechen.

Die bereits erwähnte Angela Merkel war ihren Kollegen da ihrerseits schon wieder ein paar Schritte voraus und konzentrierte sich auf die von der EU angestrebte Migrationspartnerschaft mit einer Reihe von afrikanischen Ländern, gilt es doch die Flüchtlingsströme, die mit den Gräueln von Aleppo massiv zunehmen dürften, möglichst dauerhaft zu reduzieren. Wie sagte doch EU-Kommissionspräsident Juncker vorgestern gegenüber dem ZDF? „Es brennt an allen Ecken und Enden - nicht nur an europäischen Ecken und Enden. Aber dort, wo es außerhalb Europas brennt, verlängert sich die Feuersbrunst nach Europa.“ Dem ist nichts hinzuzufügen...