BRIGHTON
SIMONE MOLITOR

Vielseitigkeit und Offenheit machen die südenglische Stadt Brighton aus

Die Aufregung steigt, als wir von der Fähre aus die mächtigen Kalkfelsen von Dover in der Ferne erblicken. Immer näher rückt der Augenblick, in dem wir uns dem Linksverkehr stellen müssen. Andersrum in den Kreisverkehr, rechts überholen, - da ist anfangs höchste Konzentration an Bord gefordert. Aber wie sollte es anders sein, wir vier Mädels meistern diese Herausforderung natürlich mit Bravour und kommen wohlbehalten, ohne Kratzer und mit sämtlichen Außenspiegeln im südenglischen Brighton, dem größten und bekanntesten Seebad in England, an. Sobald das Auto sicher im Parkhaus abgestellt ist, wir in unserem - statt eines Hotels natürlich obligatorischen - „Bed and Breakfast“ eingecheckt haben, läuft eigentlich alles wie von selbst.

Wer die Stadt am Ärmelkanal bereist, muss sich nicht im Vorfeld intensiv durch Reiseführer lesen, Touren planen oder ganz genau wissen, wohin das Gehirn die Füße steuern soll, denn sie tun es irgendwie ganz eigenwillig. Manchmal haben Füße tatsächlich ihren eigenen Kopf. Unsere führen uns schnurstracks Richtung Küste, ohne dass dies uns überraschen würde, immerhin pulsiert hier das Leben. Barbecue-Duft steigt in unsere Nase, noch bevor wir die frische Meeresluft wahrnehmen. Grillen am breiten Kiesstrand mit Einweggrill gehört hier eindeutig dazu, genau wie die laut schreienden Möwen, die wie Geier über die Menschengrüppchen kreisen und in günstigen Augenblicken nach unten schießen und mit vollem Schnabel wieder nach oben. Vorsicht ist geboten!

Neue Touristenattraktion und stumme Zeitzeugen

Wir schlendern weiter Richtung Brighton Pier, vorbei an vielen bunten Strandhäuschen, im Hintergrund prächtige viktorianische Bauten, von denen heute viele als Hotel dienen. Vor uns ragt die neueste Attraktion von Brighton in den Himmel: das „British Airways i360“, ein 173 Meter hoher Aussichtsturm mit beweglicher Aussichtskanzel. Uns reicht der Blick von unten nach oben und dann wieder nach vorne, wo bald ein Relikt aus vergangenen Prunkzeiten auftaucht: der West Pier, oder vielmehr das, was noch davon übrig ist, was nach zwei Bränden und mehreren Stürmen nicht viel mehr als das Skelett einer Eisenkonstruktion ist. Ein Zwischenstopp in einem „Fisch&Chips“-Restaurant drängt sich schließlich geradezu auf. Diesmal sind es nicht die Füße, die das Kommando geben, sondern der Magen. Zerstreuung für alle Sinne finden wir anschließend auf dem 524 Meter langen Brighton Pier mit seinen Fahrattraktionen, Spielhallen und Imbissbuden. Die Uferpromenade erstreckt sich übrigens über sieben Kilometer, so weit tragen uns unsere Füße an diesem Tag dann doch nicht.

Buntes Sammelsurium

Auch an den nächsten beiden Tagen lassen wir „uns einfach gehen“ - im übertragenen Sinn natürlich - und finden uns schnell in einem bunten Sammelsurium aus ausgefallenen Shops und gemütlichen Pubs wieder, verlieren uns in einem Labyrinth aus kleinen, kopfsteingepflasterten Gässchen, den so genannten „Lanes“, und shoppen uns durch das quirlige Stadtviertel „North Laine“, bevor wir den prunkvollen Royal Pavilion von König Georg IV ansteuern, der irgendwie nicht ins Stadtbild passt, erinnert der exotische Baustil des Palasts wegen seiner indisch-arabischen Zwiebeltürme und Minarette doch sehr an das Taj Mahal. Angeblich soll man sich einen Besuch nicht entgehen lassen. Das Interieur soll durch Einflüsse der chinesischen Kultur bestechen. Bestätigen können wir das nicht, weil wir uns bewusst dazu entschieden haben, während unseres Aufenthalts weniger Tourist als vielmehr Teil des großen lebhaften Ganzen zu sein. Und als Besucher ist man in der Tat sehr schnell mittendrin, im einmaligen Brighton-Leben, ganz nach dem Motto „Go with the flow“.