FRANKFURT/MAIN
ISABEL SPIGARELLI

Studenten kuratieren die Handschriftenausstellung

In der ersten Sitzung im Oktober 2014 platzte der Seminarraum im Frankfurter Goethe-Haus aus allen Nähten. Die Beschreibung zum Kurs „Goethe ausstellen!“, die im Vorlesungsverzeichnis der J. Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main einzusehen war, lockte viele Neugierige an - unter anderem meine Wenigkeit. Als sich abzeichnete, dass es sich bei dem Kurs um weit mehr als ein gängiges Seminar handeln würde, leerten sich die Stühle um mich herum. 13 Studierende blieben. Vom 29. August bis zum 18. Oktober 2015 ist das Ergebnis unserer Zusammenarbeit mit dem Goethe-Haus zu sehen. Gemeinsam mit zwei meiner Kommilitoninnen schaue ich auf eine spannende Zeit zurück, deren Höhepunkt uns noch bevorsteht.

Über den Bücherrand geblickt

Nicht nur unser Fachwissen, sondern auch unsere Kreativität wurde gefordert: Wir waren von der Erstellung eines Flyers bis hin zum Modell-Stehen für Wandbilder an allen Arbeitsschritten aktiv beteiligt. „Eigentlich glaube ich nicht an die demokratische Abstimmung kreativer Prozesse. Diesmal ist aber gerade der Witz, dass wir mit Studierenden zusammenarbeiten“, gesteht der Seminarleiter und Handschriftenexperte Dr. Konrad Heumann, „Das war gewöhnungsbedürftig. Ich war durchaus auf Reibereien gefasst, die bis jetzt erstaunlich friedlich abgelaufen sind.“ Die angesprochenen Unstimmigkeiten sind als Diskussionen über die einzelnen Ausstellungselemente zu verstehen. Bedeutend für „Unboxing Goethe“ ist der ständige Dialog zwischen den Teilnehmern. Für meine Kommilitonin Naima Gofran bildet dieser das spannendste Moment des Seminars: „Der allgemeine Meinungsaustausch ist sehr interessant!“ Ein Ereignis, das uns alle besonders beeindruckt hat, war die Sichtung der originalen Handschriften. Auch, wenn im Seminar selbst mit Scans gearbeitet wurde, so hat jeder Kurator das Original seines Exponats einsehen können. Nach dem Transkribieren, Erforschen und Präsentieren ausgewählter Handschriften arbeiten wir aktuell an deren ungewöhnlichen Inszenierung und an Zusatzmaterialien, wie den Katalogtexten. Zudem werden wir unterschiedliche Besuchergruppen exklusiv durch die Ausstellung führen.

Ein Leben - viele Geschichten

„Unboxing Goethe. Schätze aus dem Archiv ans Licht gebracht“ überrascht die Besucher mit Facetten des Dichters, die im Jubel um seine Person oftmals außer Acht gelassen werden. Die Germanistikstudentin Julia Schneider teilt meine Meinung: „Durch die unterschiedlichen Exponate habe ich erst von Goethes unglaublicher Vielfältigkeit erfahren.“ Wir stellen unter anderem Schmuckblätter, Billets, Gedicht-Reinschriften, Buchleihzettel, amtliche Briefe, oder auch das Kollegheft eines Schauspielschülers von Goethe aus. Mit Letzterem hat sich Naima beschäftigt: „Ich habe mich für diese Handschrift entschieden - obwohl sie nicht aus Goethes Feder stammt -, weil man zu ihr die interessanteste Geschichte erzählen kann.“

Welche Geschichte sich hinter dieser und den anderen Kostbarkeiten verbirgt, wird bei der Vernissage Ende August wortwörtlich gelüftet. Wenn die Besucher dann die ersten Boxen öffnen, zeigt sich, wie fruchtbar der Austausch zwischen den Studierenden und dem Frankfurter Goethe-Haus war.


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