LUXEMBURGGUSTY GRAAS

In Zeiten der Spannungen verehrte der Dichterfürst den französischen Feldherrn

Sein Name steht für brillante Schreibkunst, hohe Intelligenz und großes Selbstvertrauen: Goethe, der mit seinem poetischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Talent noch heute Millionen von Menschen begeistert. Mit wenigen Wörtern, die wie selbstverständlich und behände seiner Feder entschwebten, wusste er klare Botschaften zu vermitteln. Werke wie „Faust“, „Dichtung und Wahrheit“, „Die Leiden des jungen Werthers“, „Goetz von Berlichingen“ oder „Iphigenie auf Tauris“ zeugen von seiner Genialität. Noch heute zählen sie zu Klassikern, die in der Literaturgeschichte wohl ewig ihren Platz behalten werden.

Der am 28. August 1749 in Frankfurt in einem wohlhabenden Umfeld geborene Dichterfürst war ebenfalls politisch engagiert. Im kleinen Herzogtum Sachsen-Weimar, das Napoleon zeitweise unter Militärverwaltung setzte, stieg er sogar zum Staatsminister auf. In seiner Epoche kam es zu erheblichen Spannungen zwischen den Großmächten. Vor allem Napoleon und die Französische Revolution, die der Dichter hautnah miterlebte, sorgten für tief greifende Umwälzungen auf internationaler Ebene.

Zwischen zwei Stühlen

Die Abdankung Franz II. als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation am 6. August 1806 besiegelte den Untergang des Reichs und Napoleon schritt seinem Zenit entgegen. Preußen beendete seine Neutralität, indem es Frankreich den Krieg erklärte. Wenngleich Goethe diesen Schritt bedauerte, zog er trotzdem am 17. September 1806 mit dem preußischen Heer gegen Frankreich in den Kampf. Doch seine Sympathie für das Nachbarland – er beherrschte zudem die französische Sprache – war unverkennbar. Die Niederlage Preußens gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt vom 14. Oktober 1806 sowie die Plünderung Weimars durch die Franzosen setzten den Dichter zwischen zwei Stühle, war er doch weniger preußisch gesinnt als sein Herzog Karl August. Weil er am Vorabend der großen Schlacht noch Theater spielen ließ, zog er sich einen unverkennbaren Groll zu. Goethe galt als schändlicher Egoist und indifferentes Wesen. Durch seine Behauptung, man sei eben einem Größeren unterlegen, sorgte er für weiteren Unmut. Zudem begrüßte er die Befriedung Europas durch Napoleons Übermacht.

In Weimar war man auf Napoleons Achtung angewiesen, weil das Schicksal des Herzogtums doch am dünnen Faden hing. Ferner gab es eine familiäre Verbindung zwischen Weimar und dem russischen Zaren, war dessen Schwester doch die Schwiegertochter von Herzog Karl August. Napoleon wollte eben keinen Streit mit Russland. Das Herzogtum gehörte nun zu den Rheinbundstaaten und stand unter französischer Aufsicht. Vor allem Goethe konnte sich mit der neuen Lage anfreunden. Seine konservative Liberalität bestand nach der Okkupation Napoleons in der Überzeugung, das Fehlen einer politischen Einheit im alten Deutschland wirke sich sogar positiv aus. Kunst und Wissenschaft hätten ein anderes Ganzes als die Politik. Für ihn war Napoleon die „höchste Erscheinung, die in der Geschichte möglich war, auf dem Gipfel dieser so hoch, ja überkultivierten Nation.“ Er verglich ihn mit Prometheus, der den Menschen ein Licht aufgesteckt habe, das einiges an den Tag bringe, was sonst im Verborgenen bliebe.

Audienz beim Kaiser

Aber auch Napoleon blieb Goethe nicht unbemerkt. Am Rande eines in Erfurt zwischen dem 27. September und 14. Oktober 1808 stattfindenden Kongresses der europäischen Fürsten, empfing der Kaiser Goethe am 2. Oktober zu einer Audienz. Goethe selbst hat darüber keine schriftliche Notiz verfasst. Laut Aussagen von Karl Friedrich von Reinhard, einem mit Goethe befreundeten französischen Diplomaten, soll Napoleon „Voilà un homme“ zum Dichter gesagt haben. Das Gespräch, an dem noch andere geladene Persönlichkeiten teilnahmen, begann mit der Aufführung von Voltaires „Mahomet“, das Goethe übersetzt hatte. Napoleon kam auf den „Werther“ zu sprechen, den er wiederholt gelesen habe und wies Goethe auf eine nicht „naturgemäße“ Stelle im Roman hin. Zudem zeigte er Interesse an den persönlichen Verhältnissen des deutschen Dichters.

Bei dieser Gelegenheit wurde Goethe noch das Kreuz der Ehrenlegion überreicht, das er bei vielen Anlässen mit Stolz trug. Jedenfalls kehrte er mit dem Gefühl der hohen Anerkennung von Napoleon nach Weimar zurück, wo sich ihm noch zweimal die Gelegenheit bot, persönlich mit dem französischen Feldherrn zu sprechen. In einem Brief an seinen Verleger Johann Friedrich Cota gestand er, „dass mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser und zwar auf eine solche Weise zu stehen“. Die Begegnung mit Napoleon führte sogar zu einer Unterbrechung beim Verfassen des Romans „Die Wahlverwandtschaften“.

In seiner „Farbenlehre“ scheute sich Goethe nicht, sich mit dem großen Kaiser zu vergleichen. So wie dieser das finstere Erbe der Französischen Revolution angetreten habe, so musste er den Irrtum der Newtonischen Lehre aufklären. Goethe hatte sich nämlich zeitlebens nicht mit dem berühmten englischen Physiker und Philosoph einverstanden erklärt.

Goethe blieb Napoleon treu

1811, als Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht war, verfasste der Dichter den ersten Teil seiner Autobiografie. Nach der katastrophalen Niederlage des Kaisers in Russland 1812, schrieb Goethe im April 1813 die Reflexionen über das „Dämonische“. Mit diesem Begriff versuchte er das Phänomen Napoleon zu ergründen. Ein dämonischer Mensch sei nur durch das Universum zu bezwingen. In Russland sei er daher nicht durch den Gegner, sondern durch den Winter und einen riesigen Raum besiegt worden, so der Dichter. Der aufgezwungene Rückzug Napoleons aus Russland hinterließ ebenfalls Spuren bei Goethe, der sich durch diese herbe Niederlage innerlich aufgewühlt fühlte.

Nach dem verheerenden Russlandfeldzug bot Napoleon wieder eine neue Armee auf. Preußen erklärte Frankreich erneut den Krieg. Goethe blieb Napoleon aber treu und hatte nur Häme für seine Kritiker übrig: „Schüttelt nur an Euren Ketten, der Mann ist Euch zu groß, Ihr werdet sie nicht zerbrechen“. Das definitive Ende des Kaisers wurde bekanntlich durch den Wiener Kongress 1815 besiegelt. Ironie des Schicksals: Napoleons Niedergang bescherte Goethe noch eine Beförderung. Nicht nur Luxemburg, sondern auch Weimar waren durch den Wiener Kongress zum Großherzogtum erhoben worden. Infolge dessen avancierte Goethe zum Staatsminister.

Gegenüber Napoleon, dem außergewöhnlichen französischen Feldherrn, ließ Goethe, der geniale Dichter, eine tiefe Devotion erkennen. Obwohl diese Haltung im eigenen Land äußerst provokativ wirkte, setzte er seiner Bewunderung für den französischen Feldherrn kaum Grenzen. Letzterer war der einzige Mensch in seinem Leben, dem er größere Fähigkeiten als sich selbst zuerkannte. Napoleon und Goethe: eine symbolische Begegnung von zwei gleichwertigen Fürsten, wo sich „Macht und Geist trafen“, wie Theodore J. Ziolkowski treffend in einer Rezension zum Buch von Gustav Seibt „Goethe und Napoleon“ feststellte.


Bibliografie: Safranski Rüdiger, Goethe,

Carl Hanser Verlag München, 2013