GILLES SCHREINER

Rasenschach

Liebe Fußballfreunde,

Die Szene war bezeichnend für den bisherigen Trend bei der Weltmeisterschaft in Brasilien: In der 120. Minute wechselt Taktikfuchs Van Gaal Elfmeterkiller Tim Krul ein. Mutig, hatte der Ersatzmann bis dato keine einzige Sekunde bei diesem Turnier gespielt. Van Gaals Hand sollte jedoch wieder mal zu Gold werden, wechselte er bereits gegen Australien, Chile und Mexiko den Erfolg ein. Insgesamt fielen schon 29 Joker-Tore bei dieser WM, ein Wert fürs Guinnessbuch. Doch nicht nur das „Feierbiest“, auch andere Trainer polarisieren wie selten zuvor und sorgten mit taktischen und personellen Entscheidungen für nicht wenig Gesprächsstoff.

Positiv bekloppt

Da wäre mit Luiz Felipe Scolari einer, der früh morgens seinen Spielern Kärtchen mit Weisheiten und motivierenden Sprüchen unter der Hotelzimmertür durchschiebt. Scheint auch notwendig zu sein, denn man kann den Druck, dem die Brasilianer ausgesetzt sind, förmlich bis nach Europa spüren. Und da ist natürlich Jogi Löw, der mit seiner Außenverteidigerdebatte alle anderen Themen in der Bundesrepublik in Vergessenheit geraten ließ. Ehrlich gesagt konnte ich auch nicht nachvollziehen, wie man den weltbesten Rechtsverteidiger fürs eh schon hochkarätig besetzte Mittelfeld opfern kann und die Position dann mit gelernten Innenverteidigern besetzt. Ob Löw einem Jungen wie Mustafi damit einen Gefallen getan hat? Immerhin ruderte er gegen Frankreich zurück. Auch das hat Größe. Und nicht zu vergessen ist natürlich Costa Ricas Jorge Luis Pinto, ein positiv Verrückter, sozusagen der Mourinho Südamerikas, der selbst nie professionellen Fußball gespielt hat und seinen Weg als Coach via Hochschule fand. Pinto betreibt übrigens eine Internetseite, auf der er Spielsysteme erklärt, Videos analysiert und sich mit anderen Trainern austauscht (www.jorgeluispinto.com).

Stabile Defensive

Zeit hierfür wird er in naher Zukunft haben, denn die großen Überraschungen in den spielerisch eher mageren Viertelfinals blieben aus und mit Brasilien, Deutschland, Argentinien und den Niederlanden befinden sich vier vor dem Turnier erkorene Favoriten im Titelkampf. Ich erwarte knappe, von Taktik geprägte Spiele mit wenig Toren. Huub Stevens lässt grüßen. Eh spielen die verbleibenden Mannschaften allesamt aus einer kompakten Defensive raus und sind vor allem um Stabilität und Kontrolle bemüht. Erst 13 Gegentore kassierten die vier Teams aus den insgesamt 20 Spielen, Deutschland um Libero Neuer gar erst zwei. Interessant wird zu sehen sein, wie die Brasilianer die Ausfälle von Thiago Silva und besonders Neymar kompensieren können. Stichwort Neymar. Die Szene, bei der der Superstar einen Lendenwirbelbruch erlitten hat, ist das Resultat der Art und Weise der Spielleitung der Schiedsrichter. Über das gesamte Turnier hinüber wurde oft zu lasch gepfiffen, viele orange-würdige Fouls gar ignoriert. Klar wollen wir kompromisslosen und intensiven Fußball mit gesunder Härte sehen, wir sind nicht beim Ballett oder beim Schach. Doch alles soll im Rahmen bleiben. Bis nächste Woche, Euer Gilles