ESCH/ALZETTE
JAN SÖFJER

Die Escher Kult-Bar „Pitcher“ feiert an diesem Samstag 25-jähriges Jubiläum mit Livebands

Was muss eine Bar auszeichnen, damit sich ein Gast das Namensschild der Einrichtung tätowieren lässt? Im Fall des „Pitcher“ haben es sich gleich drei Personen in die Haut stechen lassen - Mitarbeiter Christophe Lazzarin und zwei Gäste. Seit 25 Jahren gibt es nun schon diese Escher Institution, in der Alter, soziale Klasse und Beruf keine Rolle spielen. Wirklich jeder geht in die 27, Grand-Rue. Alte Rockmusik muss man aber schon mögen, denn die läuft den ganzen Tag. Der Name strahlt weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus. Wie kommt das?

„Wir machen nichts besonders“, sagt Chef und Gründer Jean-Claude Seiter, 52. Er mag einfach die USA, er mag Route 66-Flair. Er besaß mal einen 65er Mustang Coupé und einen 64er Cadillac. Er kommt aus Thionville. Neun Jahre lang arbeitet er im südfranzösischen Sainte-Maxime als Barkeeper und Barmanager. Immer nur den Sommer. Sechs Monate, jeden Tag 16 Stunden. Den Winter hat er frei. Irgendwann mit Mitte 20 wird es ihm zuviel. Er geht zurück in die Heimat und findet zufällig einen Job in Luxemburg in einer Bar. Nach eineinhalb Jahren will er mit seinem Kollegen Nicolas Kremer seinen eigenen Laden aufmachen. In Esch gibt es ein freies Lokal. „Ich war vorher nie in der Stadt“, sagt er. Nun wird es sein Lebensmittelpunkt.

Wer zum ersten Mal ins „Pitcher“ kommt, betritt einen überschaubaren Schankraum von 50 Quadratmetern. Fliesen, in die Jahre gekommenes robustes Mobiliar, eine Benzin-Zapfsäule aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Über der Theke hängt die Front eines Chevrolet Impala aus den 80ern. Eine Wand ist mit alten, dunklen Holzlatten verkleidet. Dort befindet sich das Gedächtnis der Bar.

Ein Foto, das Innenminister Dan Kersch zeigt, hängt dort. Neben ihm ein Weihnachtsmann. Aufnahmen von Stammgästen neben ihren Todesanzeigen. Babyfotos. Und dann gibt es natürlich wahnsinnig viele Metallschilder. Von Budweiser, Kennzeichen aus Montana, allerlei Sprüche: „Warm beer, cold food. Come on in!“ Viele der Schilder haben Gäste von Reisen mitgebracht, als Geschenk. Auch die alte Zapfsäule ist ein Geschenk eines befreundeten Barbetreibers aus Sainte-Maxim. Seiter war ihn besuchen, ihm gefiel die Zapfsäule. Als er zurückkam stand sie bereits in seiner Bar in Esch. Überraschungsgeschenk.

Die rechte und die linke Hand des Chefs

Seiters Partner hörte nach sieben Jahren auf, um mit seiner Frau den Juwelierladen seines Schwiegervaters zu übernehmen. Zwei Angestellte hat Seiter: Jerry Waldbillig, 30, und Jemp Kemp, 39. Beide arbeiten für Seiter seit sie 18 sind. Zuerst als Aushilfe, dann fest angestellt. Bei Kemp sind das schon über 20 Jahre. Es gefällt ihm einfach dort. Jerry Waldbillig hatte Esch mal verlassen und in Aachen studiert, dann in Luxemburg. Elektrotechnik unter anderem. Aber das war nichts für ihn. Er fing bei einer Firma in Grevenmacher an, die Hochspannungsleitungen baut. Waldbillig war Projektmanager. „Aber Büroarbeit ist nichts für mich.“ Er ging wieder zum „Pitcher“.

„Wir sind Freunde. Wir sind Familie“, sagt Jean-Claude Seiter, an dem alles unbeschwert wirkt. Und das hat sich auf die Bar übertragen. Über allem liegt eine große Unaufgeregtheit. In 25 Jahren wurde praktisch nichts im Schankraum verändert, nichts renoviert. Warum auch? „Good things never change“ ist das Motto des „Pitcher“. Viele Menschen mögen das in einer Welt, in der ein Smartphone nach einem Jahr als veraltet gilt. In der Gewinne immer wachsen sollen, in der Prozesse ständig optimiert werden. Nicht im „Pitcher“.

Anlaufpunkt für alle

Fragt man Seiter und seine Kollegen nach besonderen Momenten in der Bar, nach irgendwas Verrücktem, so fällt ihnen nichts ein. Das Alltägliche ist das Besondere. Am Donnerstag sitzt ein Mann vor der Bar und spielt Gitarre. Viele Leute stehen draußen. Es stehen immer viele Leute draußen, obwohl es keine Tische gibt. Gäste genauso wie Leute, die vorbei kommen oder Jugendliche, die dort abhängen. Hier kommt Esch zusammen. Hier kommt die Stadt zur Ruhe.

An diesem Samstag ist die 25 Jahr-Feier. Es gibt mehrere Livebands: Corona Dark, Crying Souls, John Boy, Zero Point Five und Stoned Zucchini and the Adrenaline. Dazu DJ Duke. Zwei der Bands haben schon den Raum über der Bar zum Proben genutzt. Also auch Familie, wenn man so möchte. Die Bands spielen draußen auf dem Vorplatz. Der Keller ist randvoll mit Bierfässern. Feste Zeiten gibt es nicht. Einfach vorbeikommen, empfiehlt der Chef.