LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„Last Dance“ mit Keith Jarrett und Charlie Haden

Ein Abschiedsgeschenk der Extraklasse von einem der großen Meister der Jazzgeschichte kam vor kurzer Zeit auf den Markt. Das bestens aufeinander eingespielte Duo Keith Jarrett und Charlie Haden gehört zu den wichtigsten Bestandteilen in diesem Genre, wo die gesammelten Eindrücke aus dem bunt kolorierten Bilderbuch ihrer langjährigen Karrieren auf intensivste Art und Weise das Kommunikationsbedürfnis beider Solisten und ihre Liebe zu bestimmten Gefühlsbereichen wie die Tragik vergangener Jahre oder die Befreiung von althergebrachten Klischees musikalisch, exemplarisch dokumentiert wird. Mit betont ehrlichem Flair, der noch immer von den melancholischen Ausflügen des Pianisten in einen impressionistisch angehauchten Realismus geprägt ist, dem sachlichen, kammermusikalischen „spontanen Komponieren“ Hadens, der am 11. Juli nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren verstorben ist, hat diese Produktion, die vor einigen Wochen bei ECM erschienen ist, aber bereits 2007 eingespielt und nicht wenige Wochen vor seinem Tod, wie in der Nachrichtensendung eines staatlichen deutschen Fernsehesenders zu hören war, erleben wir eine Reise in eine Welt voll von feinfühligen und bewegenden Stimmungen, geprägt von einer abwechslungsreichen, eindrucksstarken Landschaft.

Die Auswahl der Titel und die makellos inszenierte, nostalgische Stimmung passen markant zu dem traurigen Ereignis, das den Verlust des Komponisten von „Song For Che“ (1968), mit dem sein „Liberation Music Orchestra“, das sich immer wieder mit politischer Unterdrückung und Kolonialismus auseinandersetzte, bekannt wurde und mehrere bedeutende Auszeichnungen einheimste, auf eine ergreifende, gefühlsbetonte Manier beleuchtet.

Im Duo vereint

Diese beiden Musiker, die schon seit 1967 zusammen arbeiteten, im Duo vereint, Haden, der 1959 mit u.a. Ornette Coleman und Don Cerry die Free Jazzbewegung einleitete und Jarrett, der spätestens mit seinem „Köln Concert“ einen Meilenstein der heute gängigen kompromisslosen Kunst des freien Solospiels setzte, machen mit dieser Produktion die Dichte und Spannung einer leidenschaftlichen neuen Optik der Interpretation von Standards in minimaler Combobesetzung möglich. Bereits 1976 hatte Haden eine vielbeachtete und hoch gelobte Duoplatte eingespielt, wo er neben Keith Jarrett mit seinem Partner der ersten Stunde, dem Altsaxofonisten Ornette Coleman, dem Schlagzeuger Paul Motian und der Harfistin Alice Coltrane, der Witwe des legendären John Coltrane, in vier Eigenkompositionen dialogiert. Auf „Last Dance“ sind ausschließlich Klassiker der Jazzliteratur vertreten, die aber hier ohne stilistischen Grenzen in nie gebotenen Intensität zu hören sind. Hier genießt man einfach die Stille und die magischen Momente, die das Duo ohne Anstrengung, völlig losgelöst, heraufbeschwört.

„My Old Flame“, Kurt Weills „My Ship“, das ausgewogene „Round Midnight“ des spektakulären Pianisten Thelonius Monk oder die wundervoll intonierten Aushängeschilder des „Chet-Baker-Songbooks“ wie u.a. „Everything Happens To Me“ und Everytime We Say Goodbye, We Die A Little“ gehören zu den Highlights des sensationellen Ausnahmealbums, das zu meiner Auswahl zum Mitnehmen auf die berühmte einsame Insel gehört. Auf weitere wichtige Projekte des Meisterbassisten und Bandleaders Charlie Haden, die in keiner Sammlung fehlen sollten, werden wir in der nächsten Folge unserer Serie „Jazz At Home“ eingehen.