NORA SCHLEICH

Der Definition eines Konstitutions- oder Verfassungsvertrages nach ist dies ein Schriftstück, in welchem Gesetze, Anordnungen und Regelungen eines Staates oder Staatenbundes zusammengetragen sind. Darin wird auf rechtlicher Basis festgehalten, nach welcher Regierungsform der Staat geführt wird. Kurzum, alle legislativen faktischen Verordnungen werden in besagtem Dokument verankert, um deren Anwendung im Alltäglichen zu sichern.

Das Wort Konstitution findet seine Wurzeln im lateinischen „constituere“, welches so viel wie formen, zusammenstellen, aufsetzen bedeutet. Bildlich gesprochen kann man sich die nationale Konstitution also als eine Art zusammengestecktes Puzzle vorstellen, in dem jedes Puzzleteil für ein wichtiges Element der nationalen Rechtslage steht.

Die Puzzleteile selbst entstammen aus diversen spezifischen Fachbereichen, wie zum Beispiel öffentliche Freiheit und Bürgerrechte, Verteilung der Staatsgewalten, Formen der Gesetzgebung, Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer, sowie Rechte und Pflichten der Gemeinden. Aneinandergefügt ergibt sich also aus diesen vielen Teilen ein großes Ganzes. Ein wesentliches Dokument, welches die Funktionstüchtigkeit eines Staates bedingt.

Hervorzuheben ist, dass jedes der einzelnen Teile eine wichtige Regelung der Funktion eines Bereichs mit sich bringt, die sich durch die Anwendung selbst als notwendig erweist und sich somit auch rechtfertigt. Die geschichtlichen Entwicklungen und Erfahrungen des Alltäglichen, also faktische und tatsächliche Begebenheiten, verlangten es, Rechte und Pflichten in die Konstitution aufzunehmen, und sie gegebenenfalls zeitgemäß zu verändern. Dies aber alles in allem unter dem Leitsatz, ein Dokument zu entwickeln, welches das Leben der Bürger in einem rechtskräftigen Rahmen garantieren kann.

Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde nun der Vorschlag laut, einen Hinweis auf Gott in dieses Dokument einfließen zu lassen. Doch dies stünde in einem direktem Widerspruch mit der Natur der staatlichen Verfassung selbst, richtet diese sich doch, wie im vorigen Abschnitt erläutert, auf handfeste, das Funktionieren des Staates bedingende Gegebenheiten und Fakten, deren Regelung sich in der alltäglichen Anwendung als notwendig erwies.

Der Hinweis auf eine bislang unbeweisbare und bloß hypothetisch supponierte Instanz, das Göttliche, kann in diesem konstitutiven, also festsetzenden, gesetzgebenden und verordnenden Rahmen keinen Platz finden. Die Idee des höchsten Weltwesens, eines göttlichen Urhebers, und dies in allen Variationen, ist bis dato als rein regulative Vorstellung für unser menschliches Dasein zu deuten. Sie kann ein „soll“ ausdrücken, niemals aber ein empirisch zu rechtfertigendes „muss“.

Es ist verständlich, dass wir dazu neigen, ein solches Übergeordnetes anzunehmen, um uns den Zusammenhang unserer Weltordnung versuchsweise zu erklären. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass uns der wahrhafte, wissenschaftliche Beweis fehlt, das Dasein dieses göttlichen Wesens bekräftigen zu können. Offenkundig, und den meisten Kant-Kennern dürfte die hier gestreifte Beweisführung bestens bekannt sein, fehlt uns jedoch auch der Beweis dafür, dass es eine solche Instanz nicht gäbe.

Leider würde die Diskussion um die Existenz Gottes, obwohl diese selbst auch einen durchaus fesselnden Austausch darstellen kann, den heutigen Rahmen sprengen. Eher soll als Antwort auf den eben erwähnten Vorschlag darauf hingewiesen werden, dass es von äußerster Absurdität zeugen würde, einen Umstand, der in keiner Weise etwas bezüglich des faktischen, rechtlichen Staatsablaufs aussagen kann, als Puzzleteil der nationalen Verfassung zu handeln.

Die Idee Gottes mag als Richtschnur einer religiösen Lebensführung in der jeweiligen kontingenten Gesinnung des Bürgers ihre Anwendung finden, keinesfalls könnte sie jedoch für jeden Bürger des Landes allgemein gültig und geltend gemacht werden. Allgemeingültigkeit, Legitimität und Rechtssetzung basieren auf Fakten. Rein spekulative Annahmen finden in einem manifesten Regelwerk eines Staates daher wohl kaum einen zu rechtfertigenden Platz. Fehlt dem Puzzle eines seiner Teile, verfehlt es seinen Zweck und auch der bloße Gedanke an das fehlende Element kann nicht zur Vollendung führen, so sehr man sich dies auch wünschen möge.