NORA SCHLEICH

Eines der wohl berühmtesten Zitate des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche ist mit Sicherheit: Gott ist tot, „wir haben ihn getötet - ihr und ich!“, zu finden in seinem 1882 erschienenen Werk ‚Die fröhliche Wissenschaft‘. Mit Gottes Tod geht für Nietzsche eine dynamische Lebensbejahung einher, welche die Abkehr vom supervenient Religiösen und eine Heilung für die in deren Namen ausgeführte krankhafte Destruktion der Welt begünstigen wird. So haben sich die gläubigen Christen auf diesen Weg zu begeben, um ihr Leben als solches lebenswert zu machen, so, wie es auch die Muslime wagen müssen. Dass mit der Annihilation einer göttlichen Idee auch deren extremistischen Verfechtern Wind aus den Segeln genommen werden kann, ist eine interessante Nebensache für die Interpretation von Gottes Tod. Dieser doch nicht ganz so nebensächlichen Begebenheit wird die heutige Reflexion gewidmet sein.

Sehen wir uns zunächst an, wie Nietzsche überhaupt dazu kommt, Gottes Sterben zentral werden zu lassen, und vor allem weshalb wir, als Täter, daraus Kapital schlagen können.

Als Vertreter des Nihilismus geht Nietzsche mit einer Grundidee schwanger: Der Mensch erhält seinen Antrieb durch seine inneren Kräfte, die einmal positiver Natur sind und uns kreativ, lebensfroh, motiviert sein lassen. Andererseits gibt es noch die leidende Kraft, durch die wir uns stets hemmen, uns als Opfer fühlen und erschöpft die Wirklichkeit verneinen. Die westliche Tradition lässt erkennen, dass die Menschen sich vorwiegend von den negativen Kräften leiten lassen: Sie empfinden sich als dem Schicksal ausgeliefert und den Alltag erleidend, fragen gequält nach Sinn des Lebens, vergehen sich an traditionellen Werten und versuchen gänzlich verkopft mit Kontrolle und Beherrschung ihr Dasein zu zähmen. Durch diese Verhaltensweise beschränken wir unsere innere Lebensfreude, wir beginnen den Alltag primär durch den Mangel an Lebenswertem zu erleben. Da wir so unsere eigene Motivation zum Leben hemmen, suchen wir Leidenden nach einem höheren Zusammenhang, einem metaphysischen Grund, sei dies nun Gott, Allah, das Gute oder eine ähnlich abstrakte Idee, die unserem Dasein den Sinn verleihen könnte. Von daher braucht also nur derjenige, der verkrampft nach der Bedeutung seines Lebens sucht, eine übersinnliche Idee, an der er sich festhalten kann.

Wenn aber der Sinn nur in der göttlichen Idee gefunden werden kann, so wie die Religionen es zu propagieren wissen, bedeutet dies implizit, dass unser irdisches Leben ja ohnehin nur minderwertig sein kann. Das Heilige und Paradiesische ist hier auf Erden nicht zu erreichen, erst durch unseren Tod finden wir die ‚Erlösung‘ von unserem Erdendasein. Die Nichtigkeit unseres eigenen Lebens wir umso deutlicher. Hier findet auch die ‚Lehre‘ - Leere? - der Extremisten ihren Nährboden: Das weltliche Sein ist zu opfern, um der übersinnlichen Sphäre beitreten zu können. Die Gefährlichkeit des ausufernden Glaubens ist hier kaum zu leugnen.

Für Nietzsche ist der Hauptgrund für die Adoption eines göttlichen Prinzips, dass der Mensch sich als Opfer und Erleidender versteht. Dies kann jedoch niemals eine zufriedenstellende Rechtfertigung für Gott darstellen - so glauben wir nur zur Not an Gott, weil wir uns selbst als schwächlich empfinden? Die Idee Gottes hat aus diesem Umstand heraus also ihre lebensbejahende Legitimation verloren. Welchen Wert hat ein Sinn des Lebens, wenn dieser sich nur von der Nichtigkeit des Daseins nährt? Welchen Wert hat dieses Dasein, wenn wir es einzig durch Hemmnis und Demut leidend erfahren? Indem wir die Nichtigkeit unseres Lebens und eines göttlichen Prinzips erkennen, tut sich uns laut Nietzsche eine motivierende Sichtweise auf: Wir leben, mit oder ohne Illusion. Wir leben, um zu leben. Wir leben, wir haben Teil an der Realität und dies sogar ohne eines göttlichen Beweises zu bedürfen. Da wir uns nun von den Lügen der Religion befreien konnten und uns nicht mehr der endlosen Suche nach der Rechtfertigung des Lebens widmen, erfährt unser Geist eine neue, dynamische Freiheit. Es gilt nun, die Liebe zum Leben zu lehren, sich dem Leben zuzuwenden, zu schaffen und zu lachen, zu spielen und zu erfahren. Es ist der eigene Wille zum Leben, der ausschlaggebend ist!

Muss nun mit Gott auch Allah begraben werden, bedeutet dies in der Sprache Nietzsches, dass der Destruktion des irdischen Lebens durch Gewalt und Krieg nur Einhalt geboten werden kann, wenn die Menschen (alle!) zur Erkenntnis gelangen, dass eine metaphysische Idee dem Leben oder der Handlung keine Rechtfertigung geben kann. Der Wert des Lebens besteht im bejahenden Willen zum Leben, nicht darin, es für eine Illusion märtyrerisch zu opfern.