LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Melody Gardot begeistert auf Einladung des „Atelier“ bei Wiltzer Festspielen

Auch die 66. Ausgabe des über die Grenzen hinaus bekannten Wiltzer Freilichtfestivals sorgte in diesem Jahr wieder für einige willkommene Überraschungen. Mit Oper, Musical, Worldmusic und experimentellen Kreationen bot die bewährte Institution unter neuer Leitung ein vielfältiges Programm für jeden Geschmack.

Woran es liegt, dass momentan hauptsächlich weibliche Gesichter sowohl in der Pop- wie der Jazzbranche die Szene beherrschen, sei dahingestellt. Tatsache ist der konstante Erfolg von alteingesessenen, bekannten Divas oder neuen noch unverbrauchten Aufsteigerinnen, die regelmäßig beim Wiltzer Festival, besonders im Bereich der U-Musik, im Rampenlicht stehen.

Durchgemachter Reifungsprozess

Nach den Singer-Songwriterinnen Sinne Eeg und Agnes Obel aus Dänemark und Youn Sun Nah aus Korea war dieses Jahr die Reihe an der amerikanischen Vokalistin Melody Gardot, eine Senkrechtstarterin, die seit einigen Jahren sowohl im Pop- wie im Jazzbereich gleichermaßen für positive Schlagzeilen sorgt. Wer die Sängerin vor gut zwei Jahren bei ihrer damals schon erstklassigen Performance in der „Philharmonie“ erlebt hatte, konnte nur staunen über den inzwischen durchgemachten Reifungsprozess, der die charismatische Künstlerin noch intensiver und imperialer erscheinen lässt.

Außer ihrer markanten stimmlichen Leistung hatte die 33-jährige Grammypreisträgerin noch etliche rare Bonbons im Gepäck. Nicht nur, dass die instrumentalen Soloeinlagen, die normalerweise von Trompete oder Saxofon intoniert werden, bei ihrem aktuellen Projekt von einem virtuosen Cellisten übernommen wurden, auch die oft nervende Klangkulisse eines Keyboardarsenals aus langweiligen Synthesizer- und kitschigen Orgelsounds waren erfreulicherweise bei der achtköpfigen Band von einem klassischen Streichquartett in Szene gesetzt und die Rolle des meist penetranten E-Basses war mit der majestätischen optischen und akustischen Erscheinung des sonoren Kontrabasses besetzt.

Nur die acht sichtbaren Gitarren, von denen allein fünf im Gebrauch des vorzüglichen Gitarristen standen - drei waren im Reservelager - und zwei für die Solistin bestimmt waren, die außerdem durch gelungene, stilsichere Einlagen am Flügel bestach, erinnerten an den eigentlichen Popcharakter des zeitweise auf subtile Kammermusik reduziertem Klangbilds. Mit ihrem betörenden Charme präsentierte Melody Gardot auf höchst kreative Art und Weise eine Demonstration eines multikulturellen Vernetzungsprogramms, das in Anlehnung an die großen Vorlagen bedeutender Sängerinnen aus der Jazz und Popbranche, pausenlos die makellose Beherrschung ihres Handwerks in den Mittelpunkt stellte. Die sentimentalen Intermezzi der selbstbewussten Musikerin, die komplexen Kompositionen und Arrangements zwischen Jazz und Pop, Jazz und Rock oder Jazz und Folk entwickelten sich ohne Ausnahme zu einem sinnlichen Akt von poetischem Feinsinn und verführerischen Delikatessen.

Verfremdetete Tangoelemente, Liebeserklärungen an eine Art moderner Volkslieder, die intime und gelassene Integration weltmusikalischer Elemente wie Manouche Jazz oder sinfonischer Kammermusik erzählten ein modernes Märchen aus einer schönen, heilen aber auch traurigen und nachdenklichen Welt, das trotz den sparsamen und filigranen Arrangements ein größeres Publikum berühren konnte.

Enorme Euphorie im Publikum

Ein Ausnahmekonzert mit permanenten Highlights und einem persönlichen Hochseilakt der originellen Solistin, die ohne Klischees ihre fruchtbare Arbeit, mit allen Nuancen und Schattierungen ihrer stimmlichen Qualitäten zu spielen, immer verbunden mit einem Hauch von Nostalgie und einer aussagekräftigen Individualität ohne Grenzen gekonnt vermitteln vermochte.

Ein grandioses Spektakel ohne unnütze Showeinlagen mit einer einzigartigen Künstlerin, die nahtlos in die oberste Liga der Megadiven des Wiltzer Festivals mit beispielsweise Ella Fitzgerald oder Dee Dee Bridgewater einzureihen ist, gekrönt von einer enormen Publikumseuphorie, wie man sie seit dem memorablen Auftritt eines Miles Davis anno 1991 im Ardennerstädtchen nicht mehr erlebt hat.

Weitere Informationen unter www.festivalwiltz.lu