LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Luc Spada über seine One-Man-Performance „Hate Fuck, but sweet?“

Leicht macht es uns Luc Spada an diesem Tag nicht. Der Schauspieler und Schriftsteller befindet sich seit einer guten Woche in Künstlerresidenz im Kulturzentrum Abtei Neimünster, wo er seinem Projekt „Hate Fuck, but sweet?“, den letzten Schliff verpasst. Oder vielmehr die letzten Schliffe. Am 1. September ist Premiere. Was genau an diesem Abend auf der Bühne passiert, wird erst zwei oder drei Tage vorher definitiv feststehen, sagt er. Der Titel der One-Man-Performance klingt schon mal vielversprechend, finden wir. Was genau steckt also dahinter? Die Erklärungsversuche von Spada sind aus seiner Sicht zwar klar, aus unserer aber doch manchmal etwas verwirrend. Dafür machen sie aber neugierig.

Liebe, Sex, Gewalt und Hass sind die zentralen Themen. Es geht um verschiedene Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen. Bezahlte Liebe, Sex ohne Verpflichtung, ein Flirt. „Um Ficken ohne Küssen. Um Sex auf die harte Art. Um Körper, die leiden. Um Vorurteile und Gewalt. Es geht um den eigenen Körper und wie man damit umgeht. Um Ängste und Schmerz. Und um den nächsten Kick, der zwar immer wieder weh tut, den man aber trotzdem sucht. Und dann geht es um Menschen, die nicht die Wahl haben, durch eine Krankheit etwa“, erklärt Spada, der für diese Kreation intensiv Recherche betrieb. Im Januar bereits hatte er damit begonnen, nachdem „Neimënster“ ihn um einen Beitrag für das „Hate Festival“ im September gebeten hatte.

Recherche im spelunkenartigen Milieu

„Ich habe mich auf die Suche nach Leuten gemacht, die etwas mit ihrem Körper machen, das sich im Endeffekt gegen sie richtet. Das kann Prostitution sein. Das kann aber auch eine Diät sein, die in der Magersucht endet. Es kann eine Gewalttat sein, die das Opfer später als verdient empfindet. Es kann eine Frau sein, die bei ihrem Mann bleibt, obwohl er sie schlägt. Es geht um diverse Formen der Abhängigkeit, die dazu führen, dass man seinen Körper am Ende nicht mehr mag, sodass man beginnt, Körper und Verstand zu trennen. Und wenn beides zusammenkommt, entsteht ein Clinch“, resümiert der Schriftsteller.

Seine Gesprächspartner hat er in Berlin, wo er lebt, in Luxemburg, wo er geboren ist, im Bekanntenkreis, einfach „ein bisschen überall“ gefunden, besonders aber „im etwas spelunkenartigen Milieu“. „Durch einen gewissen Einsatz von Geld und Nerven“, fügt Spada hinzu. „Ich wurde oft rausgeschmissen“, lacht er. Einfach sei die Recherche nicht gewesen, denn auch wenn es sich um ein künstlerisches Projekt handele, seien es doch ernste und wichtige Themen. „Mir ging es nicht darum, nur Spanner zu sein“, betont der 31-Jährige. Vielmehr wollte er „Teil davon“ werden. „Immer wieder wurde mir bewusst, dass man sich eigentlich sehr viel Leid sucht, es aber auf der anderen Seite Menschen gibt, die dieses Leid nicht gewählt haben, sondern es beispielsweise durch eine Krankheit erfahren“, gibt er zu bedenken.

„Wer einen lustigen Abend will,sollte zur Schobermesse gehen“

In „Hate Fuck, but sweet?“ arbeitet der Künstler viel mit Audioaufnahmen sowie Videobeiträgen und lässt seine Gesprächspartner selbst ihre Geschichte erzählen. Entstanden ist eine Art Collage, eine Performance auf Basis der Gespräche, die er während vielen Wochen geführt hat. Und obwohl Spada selbst auf der Bühne steht, zieht er sich in diesen Augenblicken bewusst zurück. „Ich spiele nichts. Es ist kein Theaterstück“, stellt er klar, „ich setze das gesammelte Material so zusammen, dass es für das Publikum erträglich wird oder auch nicht. Wer einen lustigen Abend will, sollte zur Schobermesse gehen“.

Ein Fazit hat er nach der Recherche nicht gezogen. Das tue er nie. Er sieht es als Realitätsanschauung. Der Schaffensprozess läuft noch. Konzept und Rahmen stehen. „Ich stelle ein Konstrukt zusammen, in das ich meinen Inhalt dann packe. Manches steht fest, manches noch nicht. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich die Zuschauer nach Hause gehen lassen will. Ich muss zugeben, dass ich extrem mit diesem Projekt zu kämpfen habe, weil ich, angesichts der Themen, eine gewisse Verantwortung zu tragen habe“, ist sich Spada bewusst.

„Hate Fuck, but sweet?“ wird nach der Premiere im Rahmen des „Hate Festival“ noch zweimal in „Neimënster“ gespielt, am 4. und 5. November. Dazwischen liegen zwei Monate. „Ich habe etwas Angst, dass noch einmal alles ändern wird“, gibt Spada zu und lacht. „Es muss ja nicht genau gleich sein, immerhin ist es eine Live-Performance. Von den Reaktionen des Publikums mache ich das aber nicht abhängig. Teils lasse ich mir zwar durchaus etwas von den Zuschauern sagen, im Endeffekt ist es mir aber auch ein bisschen egal. Man kann nicht immer auf jeden hören, Meinungen sind subjektiv. Selbstkritisch bin ich ohnehin. Ich arbeite stets mit einer wahnsinnigen Kompromisslosigkeit an meinen Sachen. Wenn etwas für mich nicht stimmig ist, muss ich nicht erst die Reaktionen abwarten, um mir darüber klar zu werden“, bemerkt er.

Kompromisslos und genau

Luc Spada ist indes sehr vielschichtig unterwegs, steht als Schauspieler vor der Kamera, schreibt Theaterstücke und Bücher, ist Kurator und Moderator diverser Veranstaltungsreihen und will sich eigentlich auch nicht auf einen Bereich festlegen. „Ich schreibe extrem gern. Da bin ich allein, niemand redet mir rein. Das was man macht, sollte man konzentriert und gut machen, das ist das Wichtigste“, fasst Spada zusammen. „Ich bin immer sehr genau, auch wenn es nicht unbedingt den Anschein gibt“, schmunzelt er.

„Hatefestival“ vom 1. bis 5. September

Neimënster widmet sich der Hassfrage

Vom 1. bis zum 5. September widmet das Kulturzentrum „Neimënster“ dem derzeit allgegenwärtigen Thema Hass ein Festival. Los geht es am Donnerstag, 1. September, um 19.30 mit der gesellschaftskritischen und provokativen Tanzperformance „A Separation“ der Kompanie „Colin, Simon & I“, die Diskriminierung, Gewalt gegen Minderheiten und Rassismus zum Thema macht, gefolgt von Luc Spadas einstündiger One-Man-Performance „Hate Fuck, but sweet?“ um 20.30. Am 2. September um 14.00 leitet Spada zudem einen Workshop unter dem Thema „Hate Speech, Love Speech“, in dessen Mittelpunkt Liebe und Hass und die Rolle der Medien stehen. Spada erarbeitet mit den Teilnehmern ein Stück Poesie, das diese Gratwanderung der Gefühle thematisiert. Großes Highlight des Festivals ist die Produktion „Hate Radio“ des Schweizer Theatermachers Milo Rau am 3. September um 20.00 und am 4. September um 17.00. Das Theaterstück thematisiert den Völkermord in Ruanda, der von Moderatoren des populären Radiosenders RTML, umgangssprachlich auch „Hate Radio“ genannt, wochenlang vorbereitet und dann durch eine perfide Mischung aus Popmusik, politischen Pamphleten und bestialischen Hetztiraden gegen die Tutsi-Minderheit befeuert wurde. Am 5. September um 19.00 findet unter dem Motto „Hate Speech“ eine abschließende Podiumsdiskussion statt, bei der Vertreter aus den Bereichen Kultur, Politik und Medien über das Phänomen der Hassäußerung in Sozialen Medien diskutieren. Felix Braz (Justizminister), Milena Kipfmüller (Dramaturgin, Hate Radio), Christiane Kleer (Radio 100,7), Georges Knell (KannerJugendTelefon, Bee Secure), Marc Piron (ASTI) und Luc Spada nehmen an der Diskussion teil. Bee Secure startet indes im September eine Kampagne zu diesem Thema.

www.neimenster.lu