SAIGON/LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„War Remnants Museum“ in Saigon hält die Erinnerung in einer bitteren Dokumentation wach

Vietnam hat sich besonders wegen seiner kulturellen Vielfalt und seinem landschaftlichen Reichtum zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelt. Nichts erinnert heute noch an einen der blutigsten Kriege der Menschheit, der seinerzeit ein zerstörtes Land hinterließ. Die Natur hat längst alle Spuren verwischt und ihr Territorium zurückerobert.

Die Erinnerung an die Kriegswirren wird aber noch an einigen Orten aufrechterhalten, vielleicht als Warnung, so etwa in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Wer sich mit der schweren Vergangenheit Vietnams auseinander setzen will - und das sollte jeder Besucher, der dieses Land bereist -, der sollte sich das Museum für Kriegsdelikte anschauen. Auch ein Teil des noch erhaltenen bzw. restaurierten Tunnelsystems von Cu Chi im Dorf Ben Dinh (rund 50 km westlich von Saigon), in dem sich früher vietnamesische Partisanen versteckt hielten, kann erkundet werden.

Tunnelsystem von Cu Chi erkunden

In einem engen rund 50 Meter langen Tunnelstück, das zwar extra für die westlichen Touristen auf 1,20 Meter Höhe und 0,80 Meter Breite vergrößert wurde, kann man sich ein Bild davon machen, wie sich die vietnamesischen Kämpfer während des Kriegs versteckt hielten bzw. auf den Feind lauerten. Früher waren die Tunnelstücke indes nur 0,80 Meter hoch und 0,60 Meter breit. Ben Dinh ist inzwischen zu einem Touristenort mit zahlreichen Souvenirläden geworden.

Starke Nerven für Kriegsreliktemuseum

Das Kriegsopfermuseum („War Remnants Museum“) ist weniger touristisch. Auf drei Ebenen werden die Schrecken des Kriegs noch deutlicher ins Gedächtnis zurückgerufen. Für diese Ausstellung braucht man zuweilen starke Nerven. Posiert der Tourist auf dem Vorplatz und im Hof des Museums noch breit lächelnd vor den amerikanischen Kriegsgeräten - Panzer, Hubschrauber, Kampfjets und Flugabwehrgeschütze - vergeht ihm das Grinsen spätestens im ersten Raum. Neben diversen Ausrüstungsgegenständen werden sich nämlich vor allem die erschütternden Momentaufnahmen über die Grausamkeit des Krieges tief ins Gedächtnis einprägen.

Sofort ist eines klar: So hat man das einst nicht im Geschichtsunterricht gelernt, ganz im Gegenteil. Wenn man jahrelang die amerikanische Version des Vietnamkriegs gehört hat, erlebt man die vietnamesische Sicht der Dinge als wahren Schock. Detailliert wird auf die Massaker eingegangen, die die amerikanischen Soldaten an der vietnamesischen Bevölkerung verübt haben.

Anti-amerikanische Darstellung

Wie bereits erwähnt, sollten Zartbesaitete den Besuch dieses Museums vielleicht besser meiden. Dennoch, was dort zu sehen ist, spiegelt „nur“ die Realität eines Krieges wider. Die Dokumentation ist beeindruckend, gleichzeitig aber auch grausam bewegend. Gewiss ist die Darstellung - was nicht überraschen dürfte - relativ einseitig, populistisch und anti-amerikanisch. Allerdings sprechen die schockierenden Fotografien auch eine deutliche Sprache. Bilder lügen nicht. Sie verdeutlichen die unmenschliche Grausamkeit und dokumentieren in einem eigenen Ausstellungsraum die fürchterlichen Auswirkungen der von den Amerikanern eingesetzten chemischen Kampfstoffe und der Dioxinvergiftungen. Entsetzlich entstellte Kinder und verkrüppelte Erwachsene, siamesische Zwillinge und viele fehlgebildete Totgeburten waren die Folge, wie die Bilder sehr nachdrücklich in Erinnerung rufen.

Zerfetzte Körper als Trophäen

Andere Fotografien zeigen US-Soldaten, die „ihren Job“ tun, sie zeigen, wie angekettete Vietcong-Verdächtige zum Verhör abführt werden, wie Gefangene geprügelt und gefoltert werden, wie Strohhütten angezündet werden und wie auf alles geschossen wird, was sich bewegt, also auch auf Frauen und Kinder. Besonders schockieren dürften die Fotos von US-Soldaten, die zerfetzte Körper bzw. die menschlichen Überreste eines Opfers wie eine Trophäe hochhalten, stolz vor der Kamera posierend…

Daneben kann man sich beim Nachbau einer der berüchtigten Tigerkäfige eine Vorstellung davon machen, wie es sich für die vietnamesischen Gefangene angefühlt haben muss, darin eingesperrt zu sein. Diese Käfige waren nur so groß, dass ein Mensch zusammengekrümmt darin liegen konnte. Seiten und Deckel waren zudem mit Stacheldraht umwickelt. Noch dazu gab es keinerlei Schutz vor den Wettereinflüssen. Das Wachpersonal soll sich angeblich einen Spaß daraus gemacht haben, in besonders kalten Nächten eimerweise Wasser in die Käfige zu kippen, „um den Tiger zu waschen“. Sonstige Folterpraktiken werden ebenfalls in allen Details beschrieben.

Wer den Vietnamkrieg nur aus Hollywood-Streifen kennt, wird in diesem Museum das genaue Gegenteil davon sehen. Natürlich kann man argumentieren, dass die Geschichte ideologisch gefärbt dargestellt wird, aber, wie gesagt, Bilder lügen nicht…