CLAUDE KARGER

Der Wirtschafts- und Sozialrat hat am Donnerstag ein Gutachten über die grenzüberschreitende Arbeit vorgelegt. Es ist das erste einer Reihe von Analysen zu der sich das regierungsberatende, nach dem Tripartite-Modell (Staat, Patronat, Gewerkschaften) zusammen gesetzte Gremium entschlossen hat. Ziel ist es laut Präsident Jean-Jacques Rommes, das Bewusstsein zu schärfen für die Bedeutung des Beitrags der Großregion zu Wachstum und Wohlstand Luxemburgs. Dass mittlerweile 43 Prozent der Arbeitnehmer im Großherzogtum aus den umliegenden Regionen kommen und morgen wohl noch mehr, kommt selbst in den hehren „Chamber“-Debatten über die wirtschaftliche Zukunft des Landes selten vor.

Wer die derzeit an die 205.000 Grenzgänger - die Hälfte davon aus Frankreich - sind, ist mittlerweile durch zahlreiche Institute und Umfragen relativ gut erforscht. Genau wie die Wechselwirkungen zwischen dem einzigen souveränen Staat in der Großregion, der auch der stärkste wirtschaftliche Attraktivitätspol ist und den umliegenden Gegenden, die von ihren Hauptstädten aus betrachtet an der Peripherie liegen und oft nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen.

Beispiele gefällig? Ein halbes Jahrhundert streitet Lothringen bereits für den Ausbau der viel befahrenen Autobahn A31 - und der Kampf ist längst nicht vorbei. Bei dem mittlerweile zum Desaster ausgearteten CSU-Wahlkampfschlager der Einführung einer Pkw-Maut in Deutschland mussten sich Saarländer und Rheinland-Pfälzer mit Händen und Füßen wehren, damit keine neuen wirtschaftsschädlichen Barrieren zwischen ihnen und Luxemburg sowie Frankreich entstünden. Und Belgien? Die Abmachung mit Wallonien, in Viville nördlich von Arlon einen P&R-Parkplatz für Reisende nach Luxemburg zu bauen, wurde nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Bei wem sich die entgeisterten Deputierten aus der Region beklagen sollen, wissen sie noch nicht, hat ihr Land doch noch immer keine Regierung. Sich beklagen, ständig in Paris, Berlin oder Brüssel anklopfen, bleibt leider meist der einzige Weg, um richtig was mit grenzüberschreitendem Charakter anzukurbeln. Die großregionalen Instanzen à la Gipfel der Großregion sind zwar wichtig für grenzüberschreitende Impulse und Kooperationen, aber zahnlose Tiger angesichts der nationalen Regierungen. Den längsten Hebel hat eigentlich Luxemburg, dessen Abhängigkeit von den Arbeitskräfte-„Reservoirs“ in den umliegenden Regionen wir nicht weiter unterstreichen müssen.

Demnach hat es die wichtigste Rolle bei den Impulsen in die Großregion inne. Nicht von ungefähr geht im Regierungsprogramm bereits in den ersten Zeilen im gleichen Satz von einer „harmonischen Entwicklung des Landes und der Großregion“ die Rede. Ein ganzes Programm, das verpflichtet, die großregionale Dimension bei allen Entscheidungen immer im Auge zu behalten. Ob die Verpflichtung aber jedesmal erfüllt wird und sich auch die Mittel dafür gegeben werden? Dass sich grenzüberschreitend was dreht ist freilich nicht nur Sache Luxemburgs. Es setzt vor allem auch voraus, dass die Beziehungen nicht ausschließlich aus wirtschaftlicher oder finanzieller Perspektive gesehen werden. Die Nachbarn verbindet viel, viel mehr. Gut, dass der WSR das noch mal aufzeigt.