ATHEN
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Ab sofort soll Athen auch ohne Milliarden-Zahlungen der Euro-Partner auskommen

Für die europäische Währungsunion ist es ein historischer Tag: Nach acht turbulenten Jahren endet heute die Mission zur Rettung der griechischen Wirtschaft - zumindest vorläufig. Ob der Euro ohne bleibenden Schaden davonkommt, lässt sich aber noch kaum sagen. Denn der Schuldenberg der Griechen ist weiterhin riesig. Bis die Krise tatsächlich überwunden ist, könnten daher noch Jahrzehnte vergehen.

Zerfall der Eurozone stand als reale Option im Raum

Das Worst-Case-Szenario scheinen die Milliarden-Kredite für Athen immerhin verhindert zu haben. Lange stand ein Zerfall der Eurozone als reale Option im Raum. Die Folgen für die internationalen Finanzmärkte und für den globalen Handel wären vermutlich fatal gewesen. Nun gilt Griechenland offiziell als gerettet. Viele Menschen in dem Land mussten dafür einen hohen Preis zahlen. Doch aus Sicht der meisten Experten gab es dazu kaum eine Alternative.

Seit den 1980er Jahren hatten fast alle Regierungen in Athen die Staatskasse überstrapaziert. Um sich politische Unterstützung zu sichern, finanzierten sie üppige Renten und Gehälter mit Geld, das sie gar nicht hatten. Die Steuerdisziplin ließ zu wünschen übrig. Die zunehmenden Lücken im Haushalt wurden einfach schöngerechnet. Umso heftiger war dann der Schock im Oktober 2009, als das Land schließlich einräumen musste, dass das eigene Defizit noch viel größer war als bis dahin bekannt.

Auf regulärem Wege konnte Griechenland fortan kaum noch Kredite bekommen. Das Risiko war den Investoren schlicht zu groß. Die Regierung musste sich deswegen Hilfe suchend an die anderen Euro-Staaten sowie an den Internationalen Währungsfonds wenden. Diese wiederum stellten klare Bedingungen. Um die Defizite abzubauen, musste Athen seine Ausgaben senken, die Steuern erhöhen und eine Reihe von Reformen umsetzen. Im Gegenzug wurde der Geldhahn aufgedreht.

Die Gesamtschulden Griechenlands liegen inzwischen bei 322 Milliarden Euro, was mehr als 180 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht - und das obwohl private Gläubiger im Jahr 2012 bereits Forderungen in Höhe von 107 Milliarden Euro aus den Büchern streichen mussten. Ab Montag sollen keine weiteren Kredite hinzukommen. Externe Experten sollen durch regelmäßige Kontrollen sicherstellen, dass die griechische Finanzpolitik auch weiterhin auf Kurs bleibt - und bis 2060 alle Schulden zurückgezahlt werden. Die übrigen Euro-Staaten haben den Griechen ausreichend Kapital zur Verfügung gestellt, um notfalls 22 Monate ohne neue Kredite über die Runden zu kommen. Auch bei den Zinsforderungen kamen sie Athen weit entgegen. Aus Sicht vieler Kritiker ist selbst das aber nicht genug. Vor allem der IWF erklärte immer wieder, dass dem Land noch weitere Schulden komplett erlassen werden müssten, damit die Lage nicht erneut aus dem Ruder laufe.

Ansprüche sind hoch

Fest steht, dass die an Griechenland gestellten Ansprüche hoch sind. Die öffentlichen Ausgaben im Bereich der Gesundheitsversorgung etwa sind heute so niedrig wie in kaum einem anderen Euro-Staat. Das hat nach Angaben des IWF zur Folge, dass privat zu stemmende medizinische Kosten bei den ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung 44 Prozent des Haushaltseinkommens verschlingen - und viele der Betroffenen auf Medikamente oder Behandlungen schlicht verzichten müssen.

Der Athener Wirtschaftsprofessor George Pagoulatos sagt, die Gläubiger würden ihre Erwartungen am Ende noch herunterschrauben müssen. Wichtiger sei der Fokus auf die bereits angelaufenen Wirtschaftsreformen. „Das heißt nicht, dass es keine Steuerhinterziehung mehr gäbe oder dass die Regierenden ihren Anhängern keine Gefälligkeiten mehr erweisen würden“, betont er. Aber die Veränderungen der vergangenen acht Jahre seien „sehr bedeutend“ und müssten sich nun positiv auf die Produktivität auswirken können.

Doch selbst wenn in Griechenland alles nach Plan verläuft, ist der Euro nicht zwangsläufig aus der Gefahrenzone. Denn der griechische Schuldenberg mag zwar groß sein - aber in absoluten Zahlen ist der italienische noch größer. Und die dortige Regierungskoalition aus der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung und der rechtsextremen Lega trägt wenig dazu bei, die Finanzmärkte zu beruhigen. Vielmehr wird in Rom inzwischen fleißig über finanzpolitische Vorgaben aus Brüssel geschimpft. Auch mit einem Austritt aus der Währungsunion wurde gedroht. Das Schuldenproblem in Italien unterscheide sich allerdings stark von dem in Griechenland, da die meisten italienischen Staatsanleihen im Besitz von Italienern seien, sagt Guntram Wolff, Leiter des Brüsseler Instituts Bruegel. Die Zinszahlungen der Regierung blieben daher überwiegend im Land und kämen der heimischen Wirtschaft in Form von Konsum oder Investitionen zugute. „In Italien ist das Schuldenproblem im Wesentlichen eine interne Angelegenheit“, sagt der Ökonom.

Mit einem Ausstieg Italiens aus dem Euro rechnet Wolff eher nicht. Sollte die Regierung weiter in diese Richtung steuern - die Verluste „wären so massiv, dass die Leute sagen würden: „Nein, nein, lasst uns das nicht tun““, sagt er. Ein klarer Wille zu strenger Haushaltsdisziplin sei in der italienischen Politik derzeit aber nicht zu erkennen. „Ich würde daher sagen, dass die Aussichten düsterer sind als noch vor sechs Monaten.“