CLAUDE KARGER

Europa verneigt sich heute vor einem Mann, ohne den es mit Sicherheit nicht das wäre, was es heute ist. Für den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, der am 16. Juni 87jährig verstarb, gibt es heute Morgen ab 11.00 eine Trauerzeremonie im Europaparlament in Straßburg - eine bislang einzigartige Hommage - im Beisein zahlreicher aktueller und ehemaliger Staats- und Regierungschefs. Am Abend dann wird der CDU-Politiker in einem Grab auf dem Friedhof des Domkapitels in Speyer beigesetzt. Das im engsten Freundes- und Familienkreis. Herzzerreißend übrigens, wie sich seine Frau und seine Söhne darüber streiten, wer unter welchen Umständen Abschied vom Altkanzler nehmen darf. Helmut Kohl gelang es zwar Deutschland zu einen, bei seiner Familie gelang es ihm offensichtlich nicht.

16 Jahre lang, so lange wie kein anderer Bundeskanzler, stand der Riese aus Oggersheim, der einst seine politische Karriere im damals provinziellen Rheinland-Pfalz begonnen hatte, an den Hebeln der Macht im größten Land Europas. Einem Land mit einer schwierigen Geschichte, das nach dem Zweiten Weltkrieg 41 Jahre lang gespalten sein sollte. Die Einheit nach dem Zusammenbruch der DDR, sie liegt erst knapp 27 Jahre zurück, ein Wimpernschlag in der Weltgeschichte. Nur allzu gut erinnern wir uns daran, wie wir in der Nacht zum 9. November 1989 vor dem Fernseher klebten, der Nacht, als die Mauer endlich geöffnet wurde, hoffend, dass nicht doch ein Schuss fällt auf die DDR-Bürger, die in Tränen auf die „andere Seite“ drängten und Freiheit und Demokratie besangen. Es ist zweifelsohne das Verdienst Helmut Kohls und seines vor einem Jahr verstorbenen Alliierten und versierten Chefdiplomaten Hans-Dietrich Genscher, dass es dazu kommen konnte. In unermüdlichem Einsatz gelang es ihnen - mit politischem Instinkt, Verhandlungsgeschick und etwas Glück - die europäischen Partner und vor allem den US-Präsidenten George W. Bush und den russischen Machthaber Michail Gorbatschow zu überzeugen, ihre Bedenken gegen die deutsche Wiedervereinigung fallen zu lassen. Das war gleichzeitig ein kapitaler Schritt in Richtung Beendigung des Kalten Krieges.

Der Durch-und-Durch-Politiker Kohl, dessen aktive politische Zeit 1998 im Sumpf einer Parteispendenaffäre endete, schrieb Weltgeschichte, die auch zu einer konsequenten Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft und zu einer Vertiefung ihrer Integration führte. Beobachter, die damals an der europapolitischen Front waren, schwärmen bis heute über die Aufbruchstimmung, die Anfang der 1990er herrschte, ohne die es vielleicht nicht etwa zum Maastricht-Vertrag gekommen wäre, der vor 25 Jahren den Grundstein zur europäischen Währungsunion und zum Euro legte. Die EU hat seither viele Krisen erlebt, aber das Fundament von damals bleibt stabil. Dank auch der deutsch-französischen Partnerschaft, an deren Vertiefung Helmut Kohl zeitlebens arbeitete, wie es auch seine politische „Ziehtochter“ Merkel weiterhin tut. Kein Zweifel, die Spuren des großen Kanzlers sind unauslöschbar. Sie führten auf jeden Fall zum Besseren für die Bürger Europas. Wir haben allen Grund, uns zu verneigen. Das tun wir auch vor einer anderen großen Europäerin, die uns gestern leider verließ: Simone Veil.