NIC. DICKEN

Die Europäische Union schickt sich an, im kommenden Jahr ihr 60jähriges Bestehen zu feiern, das auf die Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957, im symbolträchtigen Gemäuer des Kapitols in Rom, zurückgeht. Trotz der Symbolik dieser Stätte, von der aus einst das größte zur damaligen Zeit bekannte Weltreich geleitet wurde, war es in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass sich Leute wie De Gaulle und Adenauer überhaupt die Hand reichen konnten.

Dass sie es dennoch getan haben, zeugt nicht nur von einer beachtenswerten menschlichen Größe, sondern auch von großem Verantwortungsbewusstsein vor der Geschichte. Europa sollte nicht mehr durch regelmäßig wiederkehrende mörderische Kriege, sondern durch wirtschaftliche Zusammenarbeit geprägt werden, die den Auseinandersetzungen auf Dauer den Nährboden entziehen sollte.

Zumindest in den ersten Jahrzehnten scheint dieses Vorhaben auch geklappt zu haben, zumal sich nach knapp anderthalb Jahrzehnten auch bei anderen europäischen Staaten die Erkenntnis durch setzte, dass die Mitgliedschaft in der damaligen EWG absolut nützlich sein könnte.

Briten, Iren und Dänen traten Anfang der 70er Jahre der Gemeinschaft bei, doch zeigte sich von Beginn an, dass viele Anliegen eher materiellem Interesse entsprachen und weniger dem höheren Ziel einer auch politisch ausgerichteten Partnerschaft. Die Entwicklung der EU in den letzten Jahren macht deutlich, dass es weniger die Idealvorstellungen eines kulturell vereinigten und politisch gefestigten Europas war, als vielmehr die Verlockung der „Brüsseler Fleischtöpfe“, die immer mehr Mitgliedstaaten in die einstige Sechsergemeinschaft bewegte. Vor allem die breite Öffnung auf die mittel- und osteuropäischen Staaten sollte zum Meisterstück im großen kontinentalen Einigungsprozess werden.

Am Ende aber könnte gerade dieser wirklich historische Schritt der, völlig nachvollziehbar, die Gunst der Stunde einer Beseitigung des Eisernen Vorhangs nutzen sollte, zum Rohrkrepierer des großen Einigungswerkes werden, weil der Begriff der Solidarität offenbar denn doch nicht so interpretiert wird, wie es sich die Architekten der Erweiterung vorgestellt hatten.

Den meisten Neuen ist die Haut deutlich näher als das Hemd und kaum einer schließt vom Recht implizit auch auf die Verpflichtung zur Solidarität. Da wurden ganz offensichtlich einige Dinge entweder falsch erklärt oder falsch verstanden.

Völlig unannehmbar ist dabei der Umstand, dass gerade in den größten politischen Familien zwischen London und Warschau die stärksten Divergenzen bestehen. Mit gemeinsamen Zielvorstellungen Wirkung beim Wahlvolk zu erzielen ist eine Sache.

Die wesentlich schwierigere scheint aber die zu sein, den gemeinsamen Erklärungen gemeinsame Taten folgen zu lassen. Von Mut und Entschlossenheit der De Gaulle und Adenauer sind die heutigen Strippenzieher weit entfernt.