LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Probleme und Lösungen: Wie die Industriebrachen im Süden mit neuem Leben erfüllt werden sollen

Anfang 2016 wurde eine Machbarkeitsstudie mit großer Wirkung in Auftrag gegeben: Die ArcelorMittal gehörende Stahlindustriebrache zwischen Esch/Alzette und Schifflingen, die sich auf insgesamt 62 Hektar erstreckt und perfekt zwischen den beiden Städten Platz findet, wurde auf ihr Potenzial untersucht. Die Rekonversion, also Umnutzung,  der Industriefläche, auf der 140 Jahre lang der Betrieb stark brummte, wäre für alle Beteiligten (die Regierung, ArcelorMittal und die Gemeinden Esch und Schifflingen) eine große Chance.

Das Gelände, das zu 88 Prozent dem Stahlkonzern ArcelorMittal und zu 12 Prozent dem staatlichen Eisenbahn-Fonds gehört, wurde deshalb über einen Zeitraum von neun Monaten von mehr als hundert Experten analysiert. 200 Bohrungen und über 1.300 Analysen später steht fest: Die Bodenkontamination ist leichter als vor Jahren in Belval, dem Unterfangen steht somit nur noch wenig im Weg. 

In den kommenden Monaten wird in einer weiteren Phase analysiert, wie die Planung voranschreiten soll. Dazu gehört auch eine neue, angepasste Planung für den Verkehr, der eng mit dem Konzept der Liaison Micheville und den Fernradwegen zwischen Luxemburg-Stadt und Esch(Belval) verknüpft sein wird. Vor 2019 sei mit einer Ausschreibung und einer genauen Bauplanung jedoch nicht zu rechnen, weshalb bei der Vorstellung der Ergebnisse in der vergangenen Woche auch keine genauen Angaben gemacht wurden – weder von Nachhaltigkeits- und Infrastrukturminister Bausch, noch von Wohnungsbauminister Hansen.

Ein Vorteil der Rekonversion des Grundstücks Esch-Schifflingen: Das Areal ist in vielfacher Hinsicht gut angeschlossen. So müssen Infrastrukturen wie ein Schienennetz oder Strom und Wasser nicht erschlossen werden. Zudem verbindet es die beiden Gemeinden perfekt und würde sie gut ergänzen. Dementsprechend sehen die Verantwortlichen in dem Projekt große Chancen für die Entwicklung des Südens.

Die Gänze der Ergebnisse lässt sich nachschlagen unter www.agora.lu

Bürger mit beteiligen

„Wir sehen hier in der Brache hohes Potenzial“, sagt der Bürgermeister von Schifflingen, Roland Schreiner. Die Gemeinde habe zwar nur rund sechs der insgesamt rund 62 Hektar, doch „für uns ist es die einzige Möglichkeit, noch weiter zu expandieren.“ Schreiner sieht hier den Aspekt der Mobilität als sehr wichtig für seine Gemeinde an, „es muss eine intelligente Lösung und Anbindung gefunden werden, wobei auch die sanfte Mobilität nicht zu kurz kommen darf“, damit man Wohnen und Arbeiten in einen guten Einklang bringen kann. Wichtig für den Bürgermeister ist auf jeden Fall, dass nun im weiteren Vorgehen „die Bürgerbeteilgung gegeben ist. Wir waren froh als Gemeinde, dass wir entsprechend in den ersten Schritten mit beteiligt waren. Doch nun im weiteren Vorgehen und der Realisierung sollte man die Bürger nicht vergessen“, sagte Schreiner, damit sich Esch und auch Schifflingen mit dem Projekt entsprechend identifizieren können. IZ
Wenn es um die Stahlwerk-Brache geht, sollte ein neues Viertel entstehen

„Terres Rouges“ nicht vergessen

Françis Hengen vom „Mouvement écologique/Regionale Sud“ lobt die aktuelle Entwicklung, die sich aktuell im Süden darstellt. „Wir begrüßen durchaus die Entwicklung, vor allem wenn man sieht, dass man auch die Gemeinden mit ihren technischen Diensten mit ins Boot genommen hat“, sagt Hengen. Dies sei sehr positiv zu werten, da „eben genau die Fachleute auch wissen, was wie wo möglich sein kann.“ Jetzt müssten aber auch noch die Bewohner mit einbezogen werden, findet Hengen, damit hier erfragt werden kann, was sie genau wollen.  Wichtig sei auch der Aspekt der Dezentralisierung - „mit Blick auf die Landesplanung sollte eine gewisse Mixität erreicht werden.“ Hier muss nach Ansicht des Méco Arbeitsplatz und Wohnstätte zusammengeführt werden, „natürlich auch mit der Geschäftswelt, dass man nicht in die Verlegenheit kommt, wieder den Arbeitsplatz hier und die Wohnort weit weg zu haben.“ Dabei sollten nicht solche Fehler bei der Erschließung gemacht werden wie beispielsweise im Bereich „Cloche d’Or oder auch Belval mit der Mega-Verbindung. Es muss eine sanfte Erschließung geben, dass sich - auch mit dem Aspekt einer möglichen Naherholungszone - ein wirkliches neues Viertel entwickeln kann“, sagt Hengen. Doch in der Erschließung des Brachenbereichs Esch/Schifflingen verweist Hengen auch auf den Bereich „Terres Rouges“. „Terres rouges“ ist ein Standort mit beachtenswerter Lage an der französisch-luxemburgischen Grenze und in direkter Nähe zum Escher Stadtzentrum. Dies sei ja anfänglich als Gesamtpaket gesehen worden, doch dann sei ja das Geld ausgegangen. Diese Situation und dieser Status der Brache müssten schnellst ebenfalls geklärt werden. „Man müsste schauen, welcher Bereich dann für was am Besten geeignet sei“, sagt Hengen zu diesem Bereich, „der ja noch näher an Esch liegt“ und damit entsprechend berücksichtigt werden muss.  IZ

„Der Staat steckt kein Geld mehr in AGORA“

Innenminister Dan Kersch beruhigt alle, die fürchten, dass die nicht unerheblichen Sanierungskosten der Industriebrachen an den Kommunen hängen bleiben. „Die Gemeinden haben nichts damit zu tun, die Sanierung ist Sache des Eigentümers oder im Falle eines Verkaufs an eine Kommune eine Aufgabe des Verkäufers.“ So die kurze Feststellung des Innenministers auf unsere Frage nach den Verpflichtungen der Gemeinden. Das gilt nicht nur für den Süden sondern auch für andere Industriebrachen. Er betonte dem „Journal“ gegenüber, dass auch im Fall des Stahlwerks von Esch/Schifflingen keine öffentlichen Gelder in die Bodensanierung fließen werden. Die Stadtentwicklungsgesellschaft AGORA gehört zwar dem luxemburgischen Staat und ArcelorMittal – das staatliche Engagement betreffe aber allein Esch-Belval, so Kersch. Die Aufgabe, die Fläche des Stahlwerks Esch/Schifflingen zu sanieren, liegt allein bei AGORA. Kersch formuliert es im Gespräch einfach und verständlich: „Die AGORA wird eine getrennte Buchführung für Belval und für Schifflingen machen!“ pw

Was bewirken Altlasten?

Im Vorfeld der Urbanisierung des ehemaligen Stahlwerks Esch-Belval hat der Umweltverband „Mouvement écologique“ eine Aufstellung der Umwelt- und Gesundheitsbelastungen der in den Altlasten von Stahlwerken vorkommenden Schadstoffe gemacht. Daraus sei hier zitiert: „Schwermetalle (hauptsächlich Zink und Blei) finden sich in vor allem am ehemaligen Hochofenstandort und in der Gichtschlammdeponie in Zone D. Diese stellen eine Gefahr für die menschliche Gesundheit beim Einatmen (in Form von Stäuben), bei Hautkontakt und bei oraler Aufnahme z.B. Kleinkinder, dar. Schwermetalle können auch durch Regenwasser ausgewaschen werden und so ins Grundwasser gelangen, diese Gefahr ist jedoch – Esch-Belval - wegen der Beschaffenheit des Untergrundes, Tonschiefer, der kaum wasserdurchlässig ist und die Metalle in den oberflächlichen Schichten absorbiert, gering. Allerdings können schwermetallhaltige Sickerwässer in Oberflächengewässer gelangen. Kohlenwasserstoffe stammen hauptsächlich von Mineralölen und Dieselkraftstoff. Aus belasteten Böden können sie zum Teil durch Regenwasser ausgewaschen werden und mit dem Sickerwasser ins Grundwasser gelangen. Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sind vor allem in Teer und Koksstäuben enthalten. Viele von ihnen sind krebserzeugend. Sie absorbieren leicht feinste Bodenpartikel und können so als Staub eingeatmet werden.“ Méco/LJ