MELBOURNE
KIM GREIS

Auslandssemester in Melbourne: eine der lebenswertesten Städte der Welt

Jedes Jahr zeichnet die „Economist Intelligence Unit“ eine Stadt im „Global Liveability Ranking“ als lebenswerteste Stadt der Welt aus. Sieben Jahre in Folge erhielt Melbourne diesen Titel, um 2018 von Wien vom Thron gestoßen zu werden. Dennoch ist Melbourne weiterhin zweite Stadt im Ranking, was wohl eine sehr gute Platzierung ist. Für das Ranking werden unter anderem Stabilität, Gesundheitswesen, Kultur, Umwelt, Infrastrukturen und das Bildungssystem betrachtet. Als jemand, der 19 Jahre lang in Luxemburg auf dem Dorf, vier Jahre in Berlin und nun seit zwei Monaten in Melbourne lebt, versuche ich meine eigenen Eindrücke im Vergleich zum Ranking zu beschreiben.

Vorab meine ersten Eindrücke der Stadt Melbourne: Es ist super, hier zu leben, die Menschen sind alle sehr freundlich, es ist eine sehr grüne Stadt. Nur etwas stört mich seit dem Anfang und zwar, dass vieles oder sogar fast alles in Melbourne ziemlich teuer ist. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich die letzten vier Jahre in Berlin gelebt habe und ich mich an die dortigen Preise für Miete und Lebensmittel gewöhnt habe. Vermutlich sind die Preise hier in Melbourne tatsächlich vergleichbar mit jenen in Luxemburg.

Nachdem ich nun etwas länger hier bin, habe ich auch schon einiges ausfindig machen können, das gleich teuer oder sogar günstiger ist als in Berlin. Der öffentliche Nahverkehr kostet in etwa genauso viel wie in Berlin, mit dem feinen Unterschied, dass ich als Student in Berlin dafür gar nichts zahlen musste, hier leider schon. Videospiele und Instant-Nudeln sind günstiger als in Berlin. Meine Liebe zu ersteren war mir schon vorher bewusst, die zu den Nudeln habe ich erst hier entdeckt.

Der Vergleich

Zur Stabilität kann ich nicht viel sagen, außer dass hier alles im Alltag rund läuft. Ähnlich ist es mit dem Gesundheitswesen, wo ich ganz glücklich bin, diesbezüglich noch keine Erfahrungen gemacht zu haben. Das Institut, in dem ich arbeite, liegt aber in unmittelbarer Nähe zum Royal Hospital, und zumindest von außen scheint es ein sehr modernes Gebäude zu sein.

Vermutlich kann man deshalb wohl Rückschlüsse auf das Innere ziehen. Die Umwelt scheint hier sehr respektiert zu werden. Das ist in Berlin beispielsweise auch der Fall, jedoch ist es nicht so sauber in Berlin wie in Melbourne. Vermutlich haben die Bewohner Melbournes ein größeres Bewusstsein für die Umwelt, weil sie unmittelbar den Konsequenzen der Umweltverschmutzung, durch das Ozonloch, ausgesetzt sind.

Kulturell wurde ich zwar nicht enttäuscht, weil ich diesbezüglich keine großen Erwartungen hatte, dennoch denke ich, dass Melbourne diesbezüglich nicht mit den meisten europäischen Großstädten mithalten kann. Das liegt, glaube ich, vor allem daran, dass letztere meistens eine jahrhundertealte Geschichte haben und Melbourne erst 1835 gegründet wurde. Melbourne kann mit einigen Museen und Ausstellungen überzeugen, und auch sportlich hat die Stadt mit der hiesigen Fußballliga, Cricket und AFL sowie den Australian Open einiges zu bieten.

Das Bildungssystem in Australien scheint auch vergleichbar oder sogar besser zu sein, als das, was man in Europa gewohnt ist. Über die Schule kann ich nicht viel sagen, außer dass diejenigen, die mit mir studieren und in Australien aufgewachsen sind, einen sehr intelligenten Eindruck auf mich machen.

Lediglich, was Fremdsprachen betrifft, scheint es Mängel zu geben, denn obwohl zum Beispiel ein Mindestmaß an Chinesisch in Australien verpflichtend gelehrt wird, existiert kein großer Antrieb, Fremdsprachen zu lernen. Aber wieso auch, wenn die eigene Muttersprache die Weltsprache Englisch ist? Die Universität hier überzeugt mich bislang mehr, als das, was ich in Deutschland gewohnt war. Die Frage ist jedoch, ob man bereit ist, den Preis dafür zu zahlen (etwa 20.000-25.000 Euro pro Jahr).

Fazit: Titel zu Recht erhalten

Meiner Meinung nach hat Melbourne die oben genannte Auszeichnung mehr als verdient, auch wenn es sie dieses Jahr nicht bekommen hat. Es ist eine sehr lebenswerte Stadt, die jeden mit offenen Armen empfängt, der dort hingeht (es sei denn, man ist illegaler Flüchtling). Es ist eine sehr kulturelle Stadt, die in vieler Hinsicht Berlin gleicht, auch wenn man sichtlich merkt, dass in Melbourne mehr Geld investiert wird, damit alles ein bisschen weniger heruntergekommen aussieht. Aber das hat auch alles seinen Preis, und daher ist das Leben in Australien auch deutlich teurer als beispielsweise in Berlin. Dennoch würde ich jedem empfehlen, Melbourne zu besuchen, wenn sich die Möglichkeit bietet. Allgemein stellt jeder Auslandsaufenthalt eine enorme Bereicherung für das eigene Leben dar, und falls man die Gelegenheit dazu hat, sollte man sie auf jeden Fall nutzen.