CHRISTIAN BLOCK

Da hatte sich das öffentliche Meinungsbild wundersam gewandelt, wie die zwei unmittelbar aufeinander folgenden Umfragen zum Thema Religions- und Werteunterricht den Anschein erwecken mussten.

Oder vielmehr in der Implikation, die sich aus der Umfrage der katholischen Kirche ergab, in der sich 72 Prozent für den Erhalt der Wahlfreiheit zwischen den beiden aktuell angebotenen Unterrichtskursen aussprachen.

Nämlich, dass eine Mehrheit für die Wahlfreiheit auch eine Mehrheit gegen die „Abschaffung“ des Religionsunterrichts sei.

In den vorgestern veröffentlichen TNS-ILReS-Umfrageergebnissen sprachen sich nur mehr 45 Prozent für das Festhalten am aktuellen System aus. Ebensoviele wollen einen allgemeinen Werteunterricht, wie er von der Regierung vorgeschlagen wird. Ein weit ausgewogeneres Resultat demnach.

Die Bildungsverantwortlichen der neuen Regierung unterstrichen vorgestern noch einmal in aller Deutlichkeit, dass der von ihnen in den Blick gefasste Werteunterricht auf „die praktischen, philosophischen und spirituellen Fragen der Schüler“ Antworten geben müsse. Insbesondere der letzte Aspekt müsste hinreichend sein, die kritischen Stimmen zu beschwichtigen, die Glaubens- und Sinnfragen mit der neuen Regierung komplett aus dem Leben junger Menschen verbannt sehen. Tatsächlich ist es kaum noch mit der gesellschaftlichen Pluralität zu vereinbaren, auch in Glaubensfragen, der Kirche ein Monopol einzuräumen. Fair wäre es auch den 27 Prozent gegenüber, die in der Umfrage der katholischen Kirche angaben, nicht gläubig zu sein, ohne sich auf eine Position festlegen zu wollen, wie auch den 13 Prozent Atheisten und acht Prozent Agnostikern gegenüber. Im übrigen werfen auch diese Werte Fragen auf. Warum geben 27 Prozent der Bevölkerung an, nicht gläubig zu sein, ohne sich dabei festlegen zu wollen? Spielt diese Frage für sie keine oder eine untergeordnete Rolle? Fehlt ihnen vielleicht gerade die Grundlage der Auseinandersetzung mit den vielen unterschiedlichen philosophischen Strömungen? Zehn Prozent sind im übrigen für die Abschaffung sowohl vom Religions- wie auch vom Moralunterricht.

Auch in puncto Konventionen springt das Gefälle zwischen den zwei genannten Umfragen ins Auge: 72 Prozent in der Umfrage im Auftrag der Kirche sprechen sich für eine Konvention zwischen Staat und den Religionen in Luxemburg „aux règles du jeu bien définies“ aus; im Politmonitor von „Wort“ und „RTL“ wollen 68 Prozent die Auflösung der bestehenden Konventionen und eine Reform der Beziehungen zwischen Staat und Glaubensgemeinschaften. Daraus lässt sich schließen, dass eine Umfrage eine Momentaufnahme, ein Indikator ist, der mit Vorsicht zu genießen ist.

In dieser Hinsicht, aber auch im Hinblick auf das angekündigte Referendum über die Verhältnis von Staat und Glaubensgemeinschaften bleibt demnach viel Diskussionsbedarf. Auch vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Bevölkerung keine eindeutige Glaubensposition vertritt. Die entsprechend vernünftige Diskussionsgrundlage sollte jetzt jedenfalls bestehen.