LUXEMBURG
ANNETTE WELSCH

Audit zur Gefängnismedizin vorgestellt - Keine Zeit verlieren bei Umsetzung, sagt der Minister

Die gesundheitliche Versorgung von Inhaftierten ist ganz besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Sie ist komplex, anders, teils widersprüchlich: Behandeln unter Sicherheits- und Haftbedingungen, dabei die Schweigepflicht bewahren und das Zusammenspiel zwischen Strafvollzug und internen sowie externen Gesundheitsdiensten organisieren ist nicht einfach. Dabei sind die Gesundheitsprobleme von Straffälligen oft außergewöhnlich.

Gefangene altern im Gefängnis schneller als normal. „Sie haben mit 50 schon Krankheitsbilder wie andere Menschen mit 60“, sagte Justizminister Félix Braz gestern, als er das Audit vorstellte, das er im September letzten Jahres bei den beiden Professoren Bruno Gravier von der Uni Lausanne, Spezialist für Gefängnismedizin und -psychiatrie, sowie dem Psychiater und Kriminologen Jean-Marc Elchardus aus Lyon in Auftrag gab. „Einer von sechs war schon im Vorfeld in psychiatrischer Behandlung, viele weisen schon eine psychiatrische Familiengeschichte auf“, ergänzte Gesundheitsministerin Lydia Mutsch, die für die Leistungen aus dem Gesundheitssektor verantwortlich zeichnet.

„Unser Befund ist zufriedenstellend“

Mit zwei Fragestellungen hatte sich Braz an die beiden Fachleute gewandt. 2022 wird die Untersuchungshaftanstalt „Ueschterhaff“ eröffnet - wie soll die Versorgung dort und in der Vollzugsanstalt Schrassig dann optimal organisiert sein? Was kann heute schon getan werden, um die Versorgung zu verbessern? 17 Empfehlungen erntete er, die gestern direkt dem Personal, den Parlamentsausschüssen sowie der Presse vorgestellt wurden. „Krankheiten werden in den Anstalten komplett, kompetent und nach internationalen Richtlinien behandelt, es gibt keine bedeutenden Konflikte - unser Befund ist zufriedenstellend“, sagte Prof. Elchardus, der den teil zu den somatischen Krankheiten resümierte. Ein besonderes Lob gab es für die Prävention und Behandlung von Infektionskrankheiten, wie Hepatitis und von Suchtkrankheiten. „Ich bin beeindruckt. Die Spezialisten und Pfleger arbeiten auf einem hohen Niveau. Die Prävention in anderen Bereichen müsste auch so funktionieren, besonders bei der vorzeitigen Alterung müsste sie verstärkt werden.“ Er empfahl unter anderem, dass die Nutzung der Videoüberwachung in Zellen besser definiert und präzisiert werden sollte, die medizinischen Akten perfektioniert und der Gefängnisarzt kohärenter eingebunden gehörten.

Prof. Gravier ergänzte die Empfehlungen im Bereich der Psychiatrie. „Drei psychiatrische Pfleger in Schrassig reichen nicht“, sagte er unter anderem. Die Forensik müsste entwickelt und die Psychotherapie verstärkt werden. Er sprach von einem „Patchwork mit externen Psychotherapeuten und Psychiatern“ - hier gehöre mehr Kohärenz und Klärung, wer für was zuständig ist hinein. Generell müsste das Gesundheitsministerium mehr eingebunden werden und eine kohärente Gouvernance aufgebaut werden.

Strukturiertere Zusammenarbeit gefordert

Die Konzertation vertiefen, kohärenter einbinden, besser präzisieren und definieren - das waren die Begriffe, die immer wieder fielen. „Die beiden Experten plädieren nicht für mehr, sondern für eine bessere Versorgung in dem Sinn, dass alle Aufgaben präzisiert und definiert werden, damit es zu einer mehr strukturierten Zusammenarbeit kommt“, fasste Braz die Ausführungen zusammen. „Es werden mehr Wege aufgezeichnet als erwartet. Jetzt ist Detailarbeit gefordert: Was können wir kurzfristig umsetzen, was müssen wir aufbauen, wer macht was? Wir müssen den Maßnahmen eine Chronologie geben und können zum Glück auf sehr engagierten, motivierten und professionellen Mitarbeitern aufbauen.“

Man werde den Bericht jetzt in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe analysieren und einen Aktionsplan erstellen. „Wir haben noch keine Schlussfolgerungen gezogen und Prioritäten gesetzt“, sagten die beiden Minister. Eines steht für Braz aber fest: „Ich will keine Zeit verlieren.“