GREVENMACHER
GILLES SCHREINER

Jacques Wirions neuestes literarisches Werk „Häretismen“ wurde per Hand hergestellt

Schon beim Betreten des Druck- und Spielkartenmuseums des „Kulturhuef“ in Grevenmacher überkam mich diese verruchte, fast mittelalterliche Handwerkeratmosphäre, aus der ich mich nur schwer befreien konnte. Es war an einem Mittwoch, jenem Tag, an dem sich allwöchentlich rund eine Hand voll passionierte Handwerker trifft, um gemeinsame Projekte zu verwirklichen, sozusagen der Club der lebendigen Tüftler.

Von Ligaturen, Winkelhaken und Heidelberger Tiegeln

Romain Baustert ist einer von Ihnen. Der gelernte Typograf und Setzermeister aus Bourglinster verweist stolz auf Winkelhaken, Ligaturen - zwei Lettern, die aneinander liegen-, Negativklischees und Nylonprints. Zugegeben, für einen Laien klingt das erstmal nach chinesischem Dialekt aus der Provinz Fuijan. Fakt ist, Baustert reiht die Buchstaben, wiederverwendbare Lettern im Bleisatz, im Winkelhaken aneinander und bildet so seine Schriftsätze. „Man kann davon ausgehen, dass jeder Buchstabe ungefähr eine Million mal benutzt werden kann“, sagt der Setzermeister. Für eine Seite braucht ein erfahrener Setzer eine gute Stunde, Korrekturen mit inbegriffen. Und auf die Frage, was denn mit einem Blatt passiert, was einen Fehler beinhaltet, antwortet er gelassen: „Im Digitaldruck kommen doch auch ständig Fehler vor, dann dürfen wir doch wohl auch“. Der Druck, jeweils zwei Seiten auf Papierbogen, findet dann in einer altehrwürdigen und eindrucksvollen Presse statt: Dem Heidelberger Tiegel, Baujahr 1950. Im Gegensatz zu größeren Pressen eignet sich dieser besonders für kleinere Formate, da maximal in A3-Format gedruckt werden kann.

Alles per Hand

„Häretismen“ ist wohl seit langer Zeit das erste und womöglich auch das letzte Buch, was in reiner Handarbeit entstanden ist, wenn auch die Handwerker bereits für einige Schulkassen auf Wunsch der Lehrer einige Bücher manuell druckten wie „D’Reess vun der Drëps“. 150 Exemplare wurden in den vergangenen Monaten gedruckt, der Großteil davon ist auch schon gebunden, natürlich per Hand. Die Schrift, die für Jacques Wirions Werk verwendet wurde, ist eine zwölf Punkt Bodoni, eine Schriftart, die für diesen besonderen Anlass extra in Basel gegossen wurde. Da die im Druckmuseum vorhandene Schriftmenge nur jeweils für 16 Seiten reichte, mussten danach die Bleilettern wieder in ihre jeweiligen Kästchen im Setzkasten zurückgelegt werden. Anschließend wurden die nächsten 16 Seiten gesetzt.

Aphorismen

Der Inhalt des Buches beschränkt sich auf Aphorismen jeglicher Art. Aphorismen sind Sinnessprüche, Gedanken, die oft nur in einem Satz wiedergegeben werden. Nicht zu verwechseln mit der griechischen Göttin der Schönheit oder luststeigernden Mitteln. Von „Im Schmerz kommt das Böse zu seiner Positivität“ bis hin zu „Manche Hoffnung glaubt plötzlich, sie sei ein Glaube“: Wirion gibt Einblicke in äußerst interessante Gedankengänge preis. Das Ganze wurde komplettiert durch Illustrationen aus der Feder von François Didier. Wer sich angesprochen fühlt, kann das Buch für einen Preis von 30 Euro plus Versand ergattern.


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