LUXEMBURG
LUC SPADA

Wie viel Raum muss übrig bleiben, um stets das Böse fernzuhalten? Böse Gedanken. Böses Handeln. Böse ist, im Rahmen dieses Textes, alles, was gedacht und getan wird, um einem oder mehreren Menschen zu schaden. Unabhängig davon, ob der Mensch, der Böses denkt und tut, zurechnungsfähig ist. Oder eben nicht. Folglich interessiert es uns hier erstmal nicht, ob der jeweilige Mensch für „sein Böses“ verantwortlich gemacht werden darf. Oder eben nicht. Oft liegt der Unterschied lediglich im finalen Urteil, die Entscheidung zwischen Gefängnis oder Psychiatrie.

Gerechtigkeit wird in unserer Gesellschaft oft nur dann als vollbracht verstanden, wenn jemand eingesperrt wird.

Auch die Todesstrafe ist in einigen Staaten und Ländern immer noch eine Option, die viel zu oft in Anspruch genommen wird.

Punisher, einer der vielen Marvel-(Anti)Helden, wird ständig mit „bösen Menschen“ konfrontiert, die entweder vom Gesetz unberührt bleiben oder aus vielerlei unterschiedlichen Gründen noch nicht vom Rechtsstaat zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Punisher interessiert sich absolut nicht dafür, warum der Böse böse ist. Er tötet ihn. Ganz einfach. Auch seine Frau und Kinder wurden ermordet und seine Antwort ist die Tötung der entsprechenden Mörder. Selbstjustiz aus Schmerz durch den eigenen Verlust, um… um was eigentlich?

Mehr Platz für Gutes zu schaffen, da das Böse einfach weggeschossen wurde? Um dem altbekannten Rechtssatz,… Leben um Leben, Auge um Auge,… gerecht zu werden?

Punisher ist Richter und Henker, Opfer und Täter zugleich, in einem Staat, von dem er sich belogen und hintergangen fühlt und seiner Familie Unrecht getan wurde. Er sieht sich also nicht als Mörder, sondern als Rächer und „Richtigmacher“. Er tut, was getan werden muss.

Der staatlich-legitimierte Henker, der einem bösen Menschen, auf Anordnung des Gerichts, im Namen des jeweiligen Staates, das Leben nimmt, tut auch, was getan werden muss. Seinen Job ausüben. Der Henker tötet ganz legal. Seine Existenz beruht auf der Nicht-Existenz von Menschen, die Böses getan haben. Seine Arbeit ist der Tod der anderen, der nicht selten von nicht wenigen Menschen als gerechte Strafe empfunden wird, wenn der Täter „böse genug“ war.

Wir denken an Utøya, diese unerträgliche grausame Tat. Über 60 junge Menschen fielen der wahnsinnigen Ideologie eines Mannes zum Opfer, die nichts als Hass für diese Welt übrig hatte. Die Trauer und die Verarbeitung des Verlustes um diese Menschen hatte knapp begonnen, als bereits die ersten Forderungen zur Wiedereinführung der Todesstrafe aufkamen. Tod mit Tod beantworten. Mord mit Mord. Gewalt. Gegengewalt. Die Gewalt, die von ihm ausging, wurde beinahe infektiös.

Frei nach Augustinus: Das Böse ist dort, wo nicht genug Raum für Gutes ist oder auch: Derjenige, der nichts Gutes erfährt, kann nichts Gutes geben.

Wie viel „nicht Gutes“ muss ein Breivik erfahren haben, um so viel Böses zu verbreiten? Das ist schwer zu beantworten. Doch nie darf die Antwort noch mehr Schlechtes, noch mehr Hass sein. Gerechtigkeit kann nie aus Gewalt, Blut und Angst geschöpft werden.

Auch nicht dann, wenn das Böse ganz besonders hart zugeschlagen hat. Der Mensch ist zwar nie nur gut, aber auch nicht prinzipiell schlecht.

Hoffnung verlieren ist einfach, doch bekanntlich hat nie jemand gesagt, dass es einfach wird. Es gilt die Empathie hochzuhalten, Empathie, nicht Amerika, wieder great zu machen, schlechte Satzspielereien zu verzeihen und aufzupassen, dass wir nicht dumm werden. Dumm werden ist einfach.