LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Auf der Suche nach dem Grund der Welt

Im antiken Griechenland hatten die Götter das Sagen. Der Mythos stand als Erklärung für alles Zentrale parat: für das Entstehen und Wandeln der Welt. Alle Ereignisse der Natur waren von göttlichen Kräften ausgehend – und die Götter, die galt es nicht zu reizen. Einige Zeitgenossen, die durch ihr Handelstreiben ihren Horizont ohnehin bereits etwas weiteten, hegten Zweifel an diesem Göttermodell, in dem das Leben seinen Grund finden sollte.

Thales von Milet (624–546 v.Chr.) war einer der ersten griechischen Denker, die mit der mythischen Tradition brachen und behaupteten, alles in der Welt ließe sich mithilfe von natürlichen Ursachen erklären. Um die Welt wirklich zu verstehen, bräuchte man keine religiösen Pfeiler, sondern vor allem eine gute Beobachtungsgabe und rationales Denken. Der jüngere Pythagoras (570–495 v.Chr.) bejahte den Ansatz von Thales und suchte ebenfalls die Erklärung der Welt in Verstand und Vernunft, wenngleich auch auf etwas abstraktere Weise.

Thales, der beweisen wollte, dass die Entstehung und Entwicklung der Welt in der Natur ihren Grund findet, musste demnach einen natürlichen Grundstoff finden, aus dem sich der Kosmos entwickeln konnte. Diese Philosophie ist als monistische Denkweise gekennzeichnet, „mónos“ meint das griechische Pendant zu „allein“ – der alleinige Grund. Nach unzähligen Beobachtungen kam Thales darauf, dass der Stoff, der für alles Leben unabdingbar war und sich flexibel in etlichen Gestalten zeigen kann, das Wasser ist. Alles was uns umgibt, muss demnach aus Wasser entstanden sein, und nicht ohne Grund schwimmt unser Land auf dem Wasser, ist es doch aus diesem hervorgegangen. Die monistische Denkweise ist revolutionär, denn sie avanciert dem herrschenden Vielgötterglaube zum Trotz die These eines allerschaffenden Urstoffes und legt somit den Grundstein der wissenschaftlichen Untersuchung. Das Wirken zeigt sich also bis heute.

Pythagoras, den die meisten noch in undankbarer Erinnerung aus dem Mathematikunterricht haben dürften, hat die Welt nicht durch natürliche Materie zu erklären versucht. Laut ihm, und diesem Denken folgen später gar Platon und noch später

Descartes, ist das abstrakte, theoretische Denken der sinnlichen Erscheinung vorzuziehen, um zu einem stringenten Verständnis des Weltaufbaus zu gelangen. Pythagoras war jedoch weitaus weniger entschlossen, dem Götterglaube den Rücken zu kehren. Der Grieche war sehr religiös und seine Schule kannte eine sektenartige Struktur, in der es strenge Regeln bezüglich des Studiums und der Gestaltung des Alltags gab. Studenten durften jahrelang nur als Zuhörer anwesend sein und mussten die Regel des Schweigens befolgen. In Meditation und Gefolgschaft sollten sie zur Erkenntnis der Weisheit gelangen. Im Übrigen gestaltete sich die Schule aber vorbildlich, es waren nämlich auch Frauen zugelassen. Das war im antiken Griechenland äußerst unüblich, jedoch galten diese Damen bald als die gebildetsten Frauen des Landes.

Um das Mystische mit dem streng Wissenschaftlichen zu verbinden oder gar zu kompensieren, ein Unterfangen das etliche Jahrhunderte später durch als Unmöglichkeit deklariert wurde, hielt sich Pythagoras an Mathematik und Geometrie. Die Erkenntnisse der Ägypter lieferten dem Denker die Grundlage, um universelle Gesetze entdecken zu können. Erstere fanden nämlich zum Beispiel heraus, dass ein Triangel mit einem Seitenverhältnis von drei zu vier zu fünf immer einen rechten Winkel aufweist. Daraufhin verpackte unser Grieche dies in die Formel: Das Quadrat über die Hypothenuse ist gleich der Summe der Kathetenquadrate, c2= a2+b2. Das was die Pythagoreer so in Aufruhr versetzte, war, dass dieses Gesetz allgemeingültig war. Es stimmte immer, für ausnahmslos jedes rechtwinklige Dreieck. Der Wissenschaft zum Trotz könnte man fast sagen, interpretierten sie dies als göttliche Offenbarung. Eine absolute Wahrheit, die kann nur von Gott stammen. Mit Zahlen und mathematischen Formeln wurden fortan jegliche Begebenheiten der Welt und des Kosmos zu berechnen versucht, sodass sich hiermit eine ganz neue Form der Weltbetrachtung ergab. Nicht nur der gesamte Kosmos mit seinen planetarischen Konstellationen ließ sich in Zahlenverhältnissen beschreiben, sondern auch natürliche Anordnungen oder musikalische Tonfolgen. Welche Töne harmonisch oder kakophon klingen, ist numerisch festzulegen. Sogar in der Chemie herrscht das Gesetz der Oktaven, wie dies im 19. Jahrhundert anlässlich der Entwicklung des Periodensystems aufgedeckt wurde. „Was ist das Weiseste? Die Zahl!“, lautet eines der berühmtesten Zitate Pythagoras‘ und drückt aus, dass erst Zahlenverhältnisse Harmonie und Ordnung der Welt garantieren.

Ob man sich nun in der Theorie Milets oder der von Pythagoras wiederfindet, oder auch in keiner der beiden, eines zeigen uns die Präsokratiker auf jeden Fall. Es lohnt sich, hinter die bestehenden Glaubenssätze zu blicken und den eigenen Horizont zu weiten, das individuelle Bewusstsein zu schärfen – um dem Verständnis der Welt, der Natur und dem Kosmos, näher zu kommen und um Wissen um das Selbst und die Zugehörigkeit zum „Großen Ganzen“ vielleicht etwas nachvollziehbarer zu gestalten.