LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Esch2022: 31 Projekte zurückbehalten, weitere 180 in Nachbearbeitungsphase

Die Corona-Pandemie hat auch das Team um Esch2022 ins Homeoffice gezwungen. Trotzdem läuft alles planmäßig, versicherten am Donnerstag Generaldirektorin Nancy Braun und Programmdirektorin Françoise Poos während einer Videokonferenz mit der Presse. Wer auf Details gehofft hatte, wurde allerdings enttäuscht. Zumindest hat das „Comité de Lecture“ inzwischen alle 573 Projektvorschläge für das europäische Kulturhauptstadtjahr evaluiert, wenngleich nur 31 bisher sicher zurückbehalten wurden. In der Nachbearbeitungsphase kommen in den nächsten Monaten weitere hinzu. Viele Projektträger warten derweil noch auf Antwort.

„Die rezenten Ereignisse haben Konsequenzen, die sich noch schwer vorhersehen lassen. Unsere Gesellschaft wird sich verändern, die kulturelle Landschaft und ihre Akteure passen sich an. Auch wir stellen uns momentan viele Fragen, entwickeln Szenarien und werden Lösungen finden, um nicht nur den aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen, sondern einen positiven Nutzen daraus zu ziehen“, meinte Nancy Braun, bevor sie das Wort an die Programmdirektorin übergab, die nähere Informationen zur Auswertung der eingereichten Projekte gab.

„Wir sind uns bewusst, dass hinter all diesen Zahlen Menschen, Gruppen, Künstler, Vereine und Einzelpersonen stehen, die ihre Zeit, Energie, Begeisterung und Leidenschaft in die Überlegung, die Konzeption, das Schreiben und schließlich die Budgetierung ihrer Vorschläge gesteckt haben, um sich an diesem wunderbaren Bürger-Projekt Esch2022 zu beteiligen“, sagte Françoise Poos. Es sei eine Freude gewesen, diesen enormen Ideenreichtum zu entdecken. Eine Auswahl musste trotzdem getroffen werden.

Rund 340 Projekte abgelehnt

Die Bilanz des „Comité de Lecture“ nach elf Sitzungen: 31 Projekte sind vorbehaltlos angenommen und somit der Kategorie 1 zugeordnet worden. 176 Projekte sind in den Kategorien 2 (102) und 4 (74) gelandet, was bedeutet, dass sie noch einer Nachbereitung bedürfen. „Verschiedene Fragen gilt es noch zu klären, Anpassungen sind nötig, oder es müssen noch Partner gefunden werden. Eine endgültige Bewertung wird bis Herbst erfolgt sein“, versicherte Poos. Unterdessen seien neun Projekte von ihren Trägern zurückgezogen worden, und bei 15 Projekten herrsche noch Uneinigkeit. „Das ,Comité de lecture´ braucht zusätzliche Informationen, bevor es eine endgültige Entscheidung trifft“, so Poos. Leider könnten nicht alle Vorhaben kofinanziert werden, das Gesamtbudget sei zwar großzügig, aber trotzdem begrenzt. So wurden 342 Vorschläge (Kategorie 3) abgelehnt – weitere werden hinzukommen -, weil sie zentrale Kriterien einer Europäischen Kulturhauptstadt wie beispielsweise Innovationsgeist, den partizipativen Ansatz, die europäische Dimension oder auch die nachhaltige Wirkungskraft nicht ausreichend berücksichtigt hätten. „Keine Entscheidung wurde ohne Begründung genommen. Alle Projekte wurden nach objektiven Kriterien beurteilt“, unterstrich die Programmdirektorin.

Höhe der Kofinanzierung unklar

„Wir wollen möglichst schnell weiterkommen, damit auch die Projekte voranschreiten können. Die entsprechenden Verträge werden im September unterzeichnet“, fuhr Poos fort. Dann erst wird auch zu erfahren sein, mit wie viel Geld die einzelnen Projekte unterstützt werden. Esch2022 beteiligt sich bekanntlich mit maximal 50 Prozent an der Finanzierung. Selbst die 31 Projektleiter, die bereits ihre Zusage haben, wissen noch nicht, mit welcher Summe sie rechnen dürfen, was doch einige Fragen bezüglich der Planungssicherheit aufwirft. „Erst wenn wir endgültig über alle vorgeschlagenen Beiträge entschieden haben, können wir die Budgets berechnen, die dann spätestens im September in den Konventionen festgehalten werden. Es ist ein komplexer Prozess, und er ist wichtig. Mit den Projektträgern werden wir die ganze Zeit über in Dialog sein. Wir beschleunigen die Prozedur, so gut wir können, damit jeder anfangen kann, sein Projekt auf den Weg zu bringen“, bemerkte Poos.

Dem Thema „Sponsoring“ wird weiterhin eine große Priorität beigemessen. So werde alles daran gesetzt, die Projektträger bei der Suche nach Sponsoren zu unterstützen. Ziel sei es, langfristige Partnerschaften aufzubauen. Dazu wird eine eigene Sponsoren- und Mentoren-Struktur aufgebaut. Dies geschehe in drei Schritten, wie die Generaldirektorin erläuterte: „Zu Beginn des Sommers wird die digitale Match-Making-Plattform von Esch2022 gestartet, wo sich Projektträger und potenzielle Partner treffen und austauschen können. Während einer Serie von Esch2022-Webinaren werden Projektleiter bei der Erstellung ihres Sponsoren-Pitches anschließend begleitet und beraten, bevor sie dann in Match-Making-Events mit möglichen Sponsoren in den direkten Austausch gehen können. Der gesamte Vorgang wird voraussichtlich im Früh-Herbst abgeschlossen sein.“

Ein erster Vorgeschmack

Zwei repräsentative Projekte wurden am Donnerstag dann doch noch vorgestellt. „AI&Art“ der Universität Luxemburg kombiniert künstliche Intelligenz mit Kunst. Mit zum Teil interaktiven Medien und Installationen wird das Publikum zum „Remixen“ von Alt und Neu und durch den Einsatz genetischer Algorithmen zu einem digitalen Ausflug in eine potenzielle Zukunft eingeladen. Mit einer „Tour du Monde“ möchten derweil drei Fotografen und ein Schriftsteller aus den französischen Gemeinden CCPHVA und der Region Grand-Est grenzüberschreitend auf dem gesamten Esch2022-Terrain und Belgien ein pädagogisch angelegtes Projekt mit Jugendlichen wischen zwölf und 18 Jahren umsetzen. Beide Projekte hätten die im Vorfeld angegebenen Kriterien erfüllt, allen voran die Einbeziehung der Bürger und Gäste, hätten nachhaltig Bestand und würden zur imagestärkenden Weiterentwicklung der Region beitragen. „Die anderen Projekte werden von den Verantwortlichen selbst in einer Newsletter ab dem 2. Juni präsentiert“, informierte Braun.

Offene Fragen

Die Frage, wie die Infrastrukturarbeiten vorankommen, insbesondere die Instandsetzung der Möllerei als Hauptquartier von Esch2022, konnte nur vage beantwortet werden. „Die Arbeiten wurden vor zwei Wochen wieder aufgenommen. Was die Möllerei anbelangt, so stehen wir in Kontakt mit dem Fonds Belval, warten aber noch auf Rückmeldung“, informierte Poos. Auch über weitere Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Kulturhauptstadtprojekt ließ sich wenig sagen. „Wir wissen jetzt noch nicht, in welcher Situation wir 2022 sein werden“, gab Braun zu bedenken.

Christian Mosar, der künstlerische Leiter von Esch2022, war übrigens bei der digitalen Pressekonferenz nicht zugegen, was wiederum für Spekulationen sorgte. Darauf angesprochen winkte Françoise Poos allerdings ab: „Er ist natürlich immer noch Teil des Teams und dabei Projekte zu entwickeln“. Sie selbst sei aus dem ganz einfachen Grund als Programmdirektorin zu Esch2022 dazugestoßen, „weil es ein wichtiges und großes Projekt ist, und um zu helfen. Es ist absolut legitim, die Mannschaft zu vergrößern, die im Übrigen noch weiter wachsen wird“. Aber, wie sie ebenfalls sagte, „il y a du pain sur la planche“, denn das Jahr 2022 rückt immer näher. Was genau uns dann erwartet, ist nach wie vor eine ziemliche Unbekannte.