MOSKAU
ULF MAUDER (DPA)/LJ

Russischem Regisseur Kirill Serebrennikow droht hohe Strafe

Eine schwarze Maske trägt Kirill Serebrennikow am Tag des Strafantrags in seinem international kritisierten Prozess. Ein Bild des regimekritischen sowjetischen Rock-Pioniers Viktor Zoi ist darauf zu sehen - samt Aufschrift „Zoi lebt“. Es ist ein leiser Protest des Theater- und Filmemachers, der auch in Deutschland bekannt ist. Der 50-Jährige spricht von einem „absurden Prozess“ gegen ihn wegen angeblicher Unterschlagung staatlicher Fördergelder. Sechs Jahre Haft drohen ihm. Heute will das Gericht in Moskau das Urteil verkünden.

Die Verteidigung Serebrennikows, der mit drei Mitarbeitern vor Gericht steht, fordert Freispruch. Doch Freisprüche sind in Russland selten. Russlands Kulturszene ist deshalb alarmiert. „Das wird eine Verurteilung der gesamten modernen Kunst“, sagt die mitangeklagte Theatermacherin Sofja Apfelbaum.

Die russische Zeitung „Wedomosti“ zieht Parallelen zum Umgang mit Künstlern und Wissenschaftlern in finstersten Sowjetzeiten. Damals ließ der kommunistische Diktator Josef Stalin die Intelligenz reihenweise in Straflager - dem Gulag - einsperren.

In einem offenen Brief an Kulturministerin Olga Ljubimowa fordern Tausende Kulturschaffende, die Vorwürfe gegen den Chef des Moskauer Theaters Gogol-Zentrum fallen zu lasen. Sie kritisieren massive Verstöße im Prozess gegen Serebrennikow. Es seien Unterschriften und Beweise gefälscht und Zeugen unter Druck gesetzt worden.

Vor Gericht sagt Serebrennikow, dass er nie jemanden geschadet oder unehrlich gehandelt habe. Trotz aller „Schwierigkeiten, Verfolgungen und übler Nachrede“ bereue er nicht, sich für die moderne Kunst eingesetzt zu haben. Er hoffe, dass eines Tages, sollten die Geheimdienstarchive geöffnet werden, klar werde, wer sich den Fall ausgedacht und dann den Befehl gegeben habe, gegen ihn vorzugehen.

Systematische Verfolgung

In seinen Filmen packt der Regisseur oft gesellschaftskritische Themen an. Auch die politisch einflussreiche russisch-orthodoxe Kirche kommt dabei bisweilen nicht gut weg. Die Kirche steht im Ruf, sich immer wieder in kulturelle Belange einzumischen. Nach Kritik von Geistlichen wird 2015 an der Oper in Nowosibirsk etwa die beliebte Inszenierung von Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ abgesetzt. Opernchef Boris Mesdritsch muss gehen, weil den Geistlichen eine Szene mit Jesus im Bordell missfällt.

Härter trifft es 2012 zwei Musikerinnen der Punkband Pussy Riot, die im Straflager landen, weil sie in der Hauptkirche des Moskauer Patriarchats ein ruppiges Gebet singen. Sie protestieren gegen Präsident Wladimir Putin und gegen dessen „unheilige Allianz“ mit dem Patriarchen. Beispiele wie diese gibt es viele.

Die liberale Kulturszene blickt deshalb seit langem besorgt auf die nationalkonservativen Tendenzen im Kulturministerium, das auch Zensur ausüben lässt – ohne sie so zu nennen. Serebrennikow versucht schon seit langem, einen Film über den homosexuellen russischen Komponisten Peter Tschaikowsky zu drehen. Das Ministerium zieht aber rasch die Fördergelder zurück, als klar wird, dass der Regisseur die schwule Seite des Weltstars thematisiert. Ein Tabu in Russland.

Inszenierung aus der Ferne

Auch diesmal geht es um Fördergelder. Serebrennikow soll über eine von ihm gegründete Produktionsfirma 129 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) unterschlagen haben. Der Vorwurf lautet, es habe die für das Geld geplanten Inszenierungen nie gegeben. Das alles ist zwar mehrfach widerlegt. Trotzdem beruft sich die Anklage auf die Buchhalterin Serebrennikows, die nach einem Deal mit der Anklage noch immer das künstlerische Team belastet.

Immer wieder gibt es Wendungen in dem Verfahren. Wohl auch dank seiner Berühmtheit und weil sich Prominente wie Kanzlerin Angela Merkel und Hollywood-Stars für ihn einsetzen, kommt der Künstler 2019 nach fast anderthalb Jahren im Hausarrest auf freien Fuß. Er darf aber nicht reisen. Schon im Arrest inszeniert er aus der Ferne – über Assistenten – an den Opern in Stuttgart und Hamburg. Zuletzt zeigt im März das Deutsche Theater in Berlin Serebrennikows „Decamerone“.

Hoffnung gibt es in dem Verfahren zunächst auch durch ein entlastendes Gutachten und eine Richterin, die den Fall wegen Widersprüchen an die Generalstaatsanwaltschaft zurückgibt. Doch die Anklage hat sich längst festgebissen an dem Fall. Sie erwirkt einen Prozess vor einem neuen Gericht, der nun endet.

Mit einem Machtkampf in der Kultur erklärt sich der Regisseur Alexander Sokurow im Menschenrechtsrat des russischen Präsidenten das Vorgehen gegen seinen Kollegen. „Kirill ist ein herausragender, ein großer Mensch“, sagt Sokurow. „Es gibt aber Leute unter uns in der Kultur, die aus Hass und politischer Anbiederung bereit sind, gegen andere zu hetzen und sie zu denunzieren.“ Der Regisseur Pawel Lugin spricht von einem „hässlichen Rachefeldzug“.

In seinem Schlusswort vor Gericht zitiert Serebrennikow Joseph Brodskys Gedicht „Das Ende einer schönen Epoche“. Seit der Festnahme im Sommer 2017 bei Dreharbeiten für seinen Film „Leto“ über Viktor Zoi, kann er nicht mehr frei arbeiten. Drei Jahre ist das her.