LUXEMBURG
CAMILLE SCHNEIDER

Bereits vor Ausbruch des Coronavirus starben in Haiti Menschen vor Hunger. Aber das Virus verschärft die umfassende Krise weiter, in der sich Haiti seit zwei Jahren befindet, darauf macht die Hilfsorganisation Objectif Tiers Monde (OTM) aufmerksam.

„Während bei uns die Maßnahmen zur Verhinderung der Seuchenausbreitung allmählich gelockert werden, hat das Coronavirus die Karibik gerade erst erreicht. Noch ist die offizielle Anzahl der Fälle gering, nicht zuletzt, weil nur wenig getestet wird. Im maroden Gesundheitssystem Haitis fehlt es an allem, für teure Tests ist kein Geld übrig. Die Bevölkerung ängstigt sich vor dem Virus. Denn wer hier erkrankt, wird mit der vorhandenen medizinischen Ausstattung wahrscheinlich nicht von Covid-19 geheilt werden können.

Wie in vielen anderen Ländern auch bleiben die Schulen in Haiti geschlossen. Schlimm ist das vor allem für die Schüler aus den Armenvierteln, die zuvor in der Schulkantine eine warme Mahlzeit pro Tag bekamen. Der 45-jährige Toussaint Desir, Projektpartner der Luxemburger Nichtregierungsorganisation Objectif Tiers Monde (OTM), leitet die ‚Ecole Haïtiano-Luxembourgeoise‘ im Viertel Rivière Froide, in der Schüler aus besonders armen Familien aufgenommen werden. Er befürchtet, dass nach der Krise manche Schüler verhungert sein könnten.

Natürlich hat in Haiti die Krise schon vor der Corona-Pandemie angefangen. Im bitterarmen Karibikstaat leidet die Bevölkerung seit Jahrzehnten unter Massenarbeitslosigkeit. Der Preis für Lebensmittel steigt und steigt. Jeder dritte Haitianer hat nicht genug zu essen. Aus Not mischen die Ärmsten Erde in ihre Mahlzeiten, um ihre Mägen zu füllen.

In den letzten zwei Jahren protestierten Millionen von Haitianern immer wieder mit Straßenblockaden gegen die eigene Regierung, gegen den Mangel an Lebensmitteln, die hohen Treibstoffpreise und vor allem die Perspektivlosigkeit in einem korrupten System. Der Aufstand eines ganzen Volkes führte zum endgültigen Zusammenbruch der zutiefst angeschlagenen Wirtschaft.

Unsere Hilfsorganisation Objectif Tiers Monde hat in den letzten 40 Jahren ihres Engagements schon viele Krisen in Haiti miterlebt, allen voran das verheerende Erdbeben vor zehn Jahren, bei dem etwa 200.000 Menschen ums Leben kamen, aber auch mehrere Trockenperioden und Hurrikans, zuletzt der Tropensturm Matthew vor vier Jahren. Meistens hatte es da nur kurzfristige Hilfsmaßnahmen der internationalen Gemeinschaft gegeben, um die unmittelbaren Schäden der Naturkatastrophen zu beheben.

Unserer ONG ist aber die nachhaltige ländliche Entwicklung wichtig. Dazu gehören Zugang zu Wasser, Strom, Bildung und Ausbildung, aber auch die Stärkung der Zivilgesellschaft. Die Begünstigten werden mit Projekten so unterstützt, dass sie bald unabhängig von unserer Hilfe werden sollen.

Auf die aktuelle Notlage reagieren wir parallel dazu mit einem Nothilfeprojekt, das ärmste Familien zunächst mit Lebensmitteln versorgt. Im zweiten Schritt geht es dann darum, dass Bauern, die durch die Krise von 2019 ihre Ressourcen verloren haben, sich mit Saatgut und der Aufzucht von Ziegen wieder eine Lebensgrundlage aufbauen können.

Um den Menschen in Haiti helfen zu können, brauchen wir dringend finanzielle Unterstützung. Das Luxemburger Außenministerium kofinanziert unsere Nothilfe, eine erhebliche Summe muss aber durch private Spenden aufgebracht werden.“

Weitere Informationen: www.otm.lu