Janukowitsch ist nicht zu beneiden. Das mächtige Russland macht dem Präsidenten der Ukraine Angebote, die man eigentlich nicht ablehnen kann, aber das Volk auf der Straße will was anderes. Will es etwas anderes? Die EU sollte sich bei aller Hoffnung auf einen Machtwechsel in Kiew allerdings die Frage stellen, ob sie nicht zu viele Hoffnungen bei den Menschen dort geschürt hat. Viele in der Ukraine scheinen der Meinung zu sein, sie könnten bald schon EU-Mitglied werden, und dann wäre alles gut. Ohne Frage - wenn sich diejenigen, die keine Annäherung an Russland, sondern eine an die Europäische Union wollen, durchsetzen, wird eine gewisse Ernüchterung und Enttäuschung die Folge sein. Die wirtschaftlichen Probleme der Ukraine wird die EU schwerlich lösen, das wird Jahrzehnte dauern. Was kann die EU den Ukrainern bieten? Nicht viel, jedenfalls nicht finanziell, das sollte man den Demonstrierenden nicht verschweigen. Aber: Die EU könnte mithelfen beim Aufbau einer Zivilgesellschaft, eines Rechtsstaates. Das Blöde ist, dass die EU die letzten Jahre wegen des Euro so sehr mit sich selbst beschäftigt war, dass es kaum eine glaubwürdige Außenpolitik derselben oder wenigstens ein Anschein davon gab, in Hinblick auf andere Länder wie denen in Nordafrika genauso. Und wo war die EU, als die Ukraine einmal ihre Organgene Revolution feierte?

Russland, der große EU-Gegenspieler im Hintergrund, sorgt natürlich dafür, dass die eigenen Medien über den Willen der Ukrainer (der Mehrheit von ihnen?), ihre autokratische Regierung loszuwerden, wenig berichten. Kiew ist nicht die Ukraine.

Dass die Polizei in Kiew plötzlich die Büros von Oppositionsparteien durchsucht, ist zu kritisieren, aber wenig verwunderlich. Auch sind brutale Übergriffe der Polizei zu verurteilen. Aber auch hier sollte man sich in Europa nicht anmaßen, ein hehres Vorbild zu sein: Man erinnere sich nur an den brutalen Polizeieinsatz gegen die Demonstranten, die ihren Unmut über den neuen Stuttgarter Milliardenbahnhof kundtaten und von der Staatsmacht mit Pfefferspray und Wasserwerfer attackiert worden waren.

Damit Janukowitsch kritische Journalisten nicht so anschnauzt wie kürzlich der ob des Mitgliederentscheids nervöse SPD-Chef in Deutschland es tat, hat er eine gute Lösung gefunden: Er redet gar nicht mit kritischen Journalisten und lässt sie auch möglichst wenig zu Wort kommen.

Dass im ukrainischen Parlament - bekannt dadurch, dass dort gerne die Fäuste sprechen gelassen werden, auch wenn dort nur Millionäre sitzen - fürchtet die Mehrheit natürlich mögliche Veränderungen - weil dann vielleicht ihr nicht ganz einwandfrei erworbener Reichtum hinterfragt wird. Ex-Boxweltmeister und Oppositionspolitiker Vitali Klitschko bittet die internationale Staatengemeinschaft darum um „personelle Sanktionen“ gegen Funktionsträger in Kiew: Das könnte das richtige Mittel sein, man erinnere sich nur an den russischen Aufstand, als die USA und andere Länder die sogenannte Magnitzkij-Liste gegen russische Beamte, die schwerer Verbrechen verdächtig sind, erließ. Andererseits wird gerade die Androhung von Strafen Janukowitsch ein Rücktritt schwerer machen.