CORDELIA CHATON

Die junge Frau mit den blonden Haaren winkt heftig in die Kamera, so heftig, dass es schon albern wirkt, noch dazu mit diesem Grinsen. Gleich wird sie ihren Shop samt ihrer Marke vorstellen und darüber plaudern, wie unbedarft sie früher war, als sie noch nicht wusste, dass Chanel nicht nur Parfum, sondern auch Kleidung produziert. Nein wirklich! Und über 114.000 Menschen sehen sich das an. Herzlich willkommen im Reich der Influencerinnen.

Es ist die Seuche der Selbstdarstellung, die diese jungen, vorzugsweise sehr sportlichen, schlanken, langhaarigen Frauen insbesondere bei Mode-, Sport- und Ernährungsfragen hochspült. Wie Plastik auf der Welle kommen sie daher, leicht, hohl und unkaputtbar.

Das schlimmste ist ihr Einfluss: Laut einer Studie des deutschen Bundesverbandes Digitale Wirtschaft gaben vor allem jene im Alter von 16 bis 24 Jahren an, dass fast jeder zweite von ihnen schon mindestens einmal ein Produkt wegen Influencer-Werbung gekauft hat. In der breiten Masse ist es jeder fünfte, was immer noch beachtlich ist.

Doch ist dieser enorme Einfluss als Marketing kenntlich gemacht? Wohl kaum. Vor kurzem hat ein Gericht die deutsche Influencerin Pamela Reif dazu verurteilt, Links (Tags) zu Markenherstellern in ihren Instagram-Fotos künftig als Werbung zu kennzeichnen. Die 22-jährige Frau aus Karlsruhe gehört zu jenen, denen über vier Millionen Menschen auf Instagram folgen, wo sie sich auf ästhetischen Fotos meist in Bade- oder Sportbekleidung zeigt. Reif dürfte auch zu den ganz wenigen gehören, die sehr viel damit verdienen. Denn beim Gros ist das nicht der Fall. Die Werbeagentur Jung von Matt hat zusammen mit der Influencer-Plattform Brandnew und Facelift eine Studie herausgegeben, die Einblicke in das Geschäft der Beeinflusser gibt. Acht der 1.200 befragten Influencer geben an, zwischen 10.000 und 25.000 Dollar zu erhalten. Nur drei von ihnen verdienen mit einer Kampagne mehr als 25.000 Dollar, das Gros lag bei unter 500 Dollar. Wer was als Werbung kennzeichnete, ist unklar. Der Geschäftserfolg bleibt geheim. Dabei hätte ich Geschäftsfrauen noch Respekt gezollt.

Wer in diesem Business gut bezahlt ist, fühlt sich wohl schnell unangreifbar. So wie Bonnie Strange alias Jana W.. Das Model ist auch Influencerin und muss einem Modeverkäufer nun für ihre Beleidigungen ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro bezahlen. In einem Geschäft hatte sie ausgewählte Kleidung auf den Boden gelegt und sich trotz Aufforderung geweigert, sie aufzuheben. Stattdessen beleidigte die 32-Jährige den Verkäufer (unter anderem „Arschloch“) und verbreitete das auch in mehreren Videos auf Snapchat.

Früher hätte man von einem Rotzbalg gesprochen, das sich nicht benehmen kann und sie zu einer Entschuldigung gezwungen. Heute sorgen sich Ladenbesitzer um die Reaktion von Followern.

Abgesehen von dem fragwürdigen Frauenbild vieler dieser Beeinflusserinnen ist die Hohlheit des Diskurses das, was einer geistigen Influenza gleichkommt. Das mag den Namen besser erklären als der Ursprung des englischen Wortes. Es wäre an der Zeit, die Geschäfte ordentlich zu besteuern und Werbung klar zu kennzeichnen, um dem Hallöchen-Geschäft wenigstens etwas beizukommen.