LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Wer die 112 anruft, landet beim Rettungsdienst - Wie der Alltag in der Zentrale aussieht

Theo Wooning sitzt auf einem gut gepolsterten schwarzen Bürostuhl und hört dem Anrufer genau zu.

Der meldet einen Heuballenbrand. Während der Leitstellendisponent zuhört, gibt er die Meldung weiter an die Polizei. Wooning fragt nach den fünf W: Wo, wer ruft an, was ist passiert, wie viele Menschen sind verletzt und warten. „Darunter verstehen wir, dass der Anrufer nicht sofort einhängt, sondern dran bleibt, falls wir noch Fragen haben“, erklärt Wooning. Während er mit dem Anrufer spricht, hat der Mitarbeiter des Rettungsdienstes 40 Feuerwehrleute alarmiert. „Nicht alle werden kommen. Aber dann sind auf jeden Fall genug vor Ort“, ist er sich aufgrund seiner Erfahrung sicher.

112 ist die Notrufnummer, die Menschen wählen, wenn es um Leben um Tod, um Brand und Unfälle geht. Umso wichtiger, dass genug kompetente Mitarbeiter da sind. Derzeit befindet sich das Rettungswesen in Luxemburg im Umbruch. Gerade wurde für ein neues System gestimmt. Bislang beruht der Rettungsdienst vor allem auf Freiwilligen. Aber deren Zahl nimmt immer weiter ab.

Schnell reagieren

Wer in Gasperich in der nationalen Notrufzentrale CSU 112 arbeitet, bringt in der Regel Erfahrung im Ambulanzdienst oder der Feuerwehr mit. „Sonst kann man die Situation nicht richtig einschätzen. Die Kollegen müssen innerhalb sehr kurzer Zeit Entscheidungen treffen“, sagt Christopher Schuh. Er ist Chef des Notruf-Bereiches und hat selbst praktische Erfahrung.

„In 80 Prozent der Fälle geht es bei den Einsätzen um Rettungsdiensteinsätze, der Rest betrifft Brände und technische Einsätze“, erklärt Schuh. Öffentliche Gebäude sind im Falle eines Brandes über die Brandmeldezentrale in Luxemburg direkt mit der Einsatzzentrale verbunden. „Aber wir haben auch eine direkte Linie zu Cattenom und sind Kontaktpunkt für den europäischen Zivilschutz, also beispielsweise für Ebola“, erläutert Schuh.

Die Notrufzentrale ist ein unauffälliges Gebäude in der Industriezone von Gasperich. Auf dem Parkplatz ist es eng und auch im Gebäude fehlt es an Platz. Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes sitzen im großen Leitstellenraum, jeder hat mehrere Bildschirme vor sich.

Zwölf Stunden am Stück Dienst

„Der Dienst geht von 7.00 bis 19.00, also in Zwölf-Stunden-Schichten“, erklärt Wooning. Die Notrufzentrale ist rund um die Uhr besetzt. „Am meisten haben wir zwischen 15.00 und 18.00 zu tun“, weiß der Rettungsexperte aus Erfahrung.

Wooning ist gespannt, wenn Ende des Jahres ein neues System eingeführt wird. „Das passiert im laufenden Betrieb.“ Er führt vor, wie schnell er sich Bilder von Ortschaften aus ganz Luxemburg auf den Schirm holen kann. Die Luftbildaufnahmen helfen beim Orientieren der Rettungskräfte. „Es rufen zwar immer mehr Leute an. Aber die können immer schlechter beschreiben, wo sich ein Unfall ereignet hat“, berichtet Wooning. „Wenn jemand sagt, im Mullerthal gab es einen Unfall, ist das zu ungenau.“ Oft rufen auch mehrere Menschen an. Dann setzt Wooning wie bei einem Puzzle alles zusammen, indem er sich mit den anderen abspricht.

Falsch verbunden

„Das Problem ist, dass auch Menschen aus anderen Gründen anrufen“, seufzt Woonings Chef Schuh. Da kommen dann Fragen nach der Lage einer Klinik, Hilfe beim Ausfall der Heizung, Probleme mit der Waschmaschine, Wespen, Einsamkeit oder verstopften Rohre. Sogar Scherzanrufe gibt es. Das kann teuer werden. Bis zu 21 Tage Gefängnis und 5.000 Euro Strafe stehen darauf. Die Notrufzentrale speichert alle Anrufe sechs Monate ab. „Wir erkennen auch Geheimnummern“, verrät Schuh.

1.800 Anrufe am Tag

Er und seine Mitarbeiter haben immer mehr zu tun. Rund 1.800 Anrufe am Tag und 200 Einsätze sind an der Tagesordnung. Deshalb sollen noch drei neue Disponenten eingestellt werden. Die Anforderungen sind hoch, schon allein, weil sie aufgrund der Sondersituation in Luxemburg zwingend Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch verstehen müssen. „Wegen des Einzugsgebiets sind wir letztlich für 800.000 Menschen zuständig“, erklärt Wooning. Wer im Rettungszentrum arbeiten will, muss ruhig bleiben und ein guter Psychologe sein. Wooning hat festgestellt, dass es gut ist, die Leute erst reden zu lassen und dann durch das Gespräch zu leiten.

In Zukunft soll der Rettungsdienst durchlässiger und pointierter werden. Disponenten sollen Erfahrung zwingend mitbringen müssen, aber auch wieder zurück in den Feuerwehrwagen oder die Ambulanz gehen können. „Viele sind ohnehin in ihrer Freizeit dort aktiv“, weiß Paul Schroeder, Direktor der „Administration des Services de Secours“. Er arbeitet an der Erneuerung des Rettungsdienstes. Das alte System ist wegen der vielen Freiwilligen prekär. „Jetzt gibt es 61 hauptberufliche Rettungskräfte, aber das reicht nicht“, unterstreicht Schroeder. Kommendes Jahr wird mit dem Bau eines neuen Rettungszentrums begonnen, 2020 steht der Umzug bevor.

Eine rote Lampe leuchtet an der Wand auf - ein Zeichen, dass ein Fax da ist. „Wir sind auch mit den Gehörgeschädigten verbunden. Die haben ungefähr 350 Mitglieder. Wir haben sogar die Möglichkeit, ihnen zu antworten“, erklärt Wooning. Der Dienst in der Notrufzentrale, in der er seit zehn Jahren arbeitet, nimmt ihn nicht mit. „Aber ich fahre schon vorsichtiger, seit ich hier arbeite“, überlegt er laut. Dann klingelt auch schon wieder sein Telefon.