LUXEMBURG
JAN SÖFJER

Ein syrisches Pärchen versucht sich in Luxemburg ein neues Leben aufzubauen

„Schau mal“, sagt Hiba und zeigt durch das Fenster in einem Café in der Luxemburger Oberstadt. „Stell Dir vor, dort auf der anderen Straßenseite würde jetzt eine Granate einschlagen.“ Das war die Normalität mit der Hiba, 24, und ihr Freund Ziad, 23, in Syrien gelebt haben.

An einem kalten Tag im November 2011 haben sie sich in einem Pub in Damaskus kennengelernt. Im März zuvor hatten die Aufstände begonnen - der Anfang des Bürgerkriegs. „Wir hatten immer die Hoffnung, dass der Krieg aufhört“, sagt Ziad, der damals in einem Beauty-Shop arbeitete. Hiba studierte in Homs Chemie. Zwei Stunden Fahrt sind es noch Anfangs zwischen den Städten, doch je mehr sich der Krieg ausweitet, desto mehr Checkpoints und Kontrollen gibt es. Am Ende dauert die Fahrt sechs Stunden. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Ziad hat Angst, zum Militär eingezogen zu werden. Er geht eine Zeit in den Libanon und jobbt dort. Aber auch für Frauen wird es gefährlicher. Entführungen nehmen zu. Auf offener Straße werden Leute gekidnappt und, wenn es gut läuft, gegen Lösegeld der Familie freigelassen.

Der IS vor der Stadt

Im September 2015 erreichen Truppen des Islamischen Staates das Hinterland von Homs. Hiba und Ziad, der obendrein Christ ist, bekommen Angst. Sie fliegen vom Libanon in die Türkei. Doch dort sehen sie keine Zukunft für sich, es ist ihnen alles zu unsicher. Es gibt Flüchtlinge dort im Land, die seit Jahren in Flüchtlingslagern leben.

Ziad (23, links) würde gerne in einem Beautyshop arbeiten, Hiba, 24, beginnt an der Universität Luxemburg ein Mathestudium. Foto: Jean-Claude Ernst - Lëtzebuerger Journal
Ziad (23, links) würde gerne in einem Beautyshop arbeiten, Hiba, 24, beginnt an der Universität Luxemburg ein Mathestudium. Foto: Jean-Claude Ernst

Westeuropa bietet wesentlich bessere Perspektiven. Aber in welches Land? „Wir hörten, dass schon so viele Flüchtlinge in Deutschland seien“, sagt Hiba. Da stoßen sie auf Luxemburg, das kleine, sichere Land gleich nebenan. Sie finden einen Schlepper, der ihnen einen Platz auf einem Boot zur griechischen Insel Lesbos organisiert. 2.800 Dollar pro Person. Als sie in der Nacht am Strand ankommen, sehen sie, wie klein das Boot ist und wie viele Leute mitfahren sollen. „Die Schlepper hatten Pistolen im Gürtel stecken“, erinnert sich Ziad. „Eine Umkehr war unmöglich, da wir den Ort gesehen haben, von dem es losgeht.“

Immerhin haben sie Glück: Das Meer ist ruhig. Die einstündige Fahrt nach Lesbos klappt ohne Probleme. Zu Fuß brechen sie zur Hauptstadt Mytilini auf, doch sie verlaufen sich. Da treffen sie auf einen Autofahrer. Der Mann bringt sie gerne zum Hafen - für 500 Dollar pro Kopf. Dort bekommen sie einen Flüchtlingsausweis und fahren mit der Fähre nach Athen.

Syrien-Luxemburg: 8.000 Dollar

Die Weiterreise ist nirgends ein Problem. Die Flüchtlinge sollen bloß schnell ins nächste Land. Wenn sie nicht zu Fuß gehen, nehmen sie Busse von Schleppern. Jedes Mal für eine ordentliche Summe. Am Ende werden sie 8.000 Dollar für ihre Odyssee bezahlt haben. So geht es durch Griechenland, Mazedonien und Serbien. In Ungarn steht ein Zug bereit, um Flüchtlinge nach Österreich zu bringen. Die Leute sitzen auf den Gängen und die Nacht vor der Abfahrt werden sie im Zug eingesperrt.

Als sie Österreich erreichen, ändert sich alles. „Es war der Himmel“, erinnern sich die beiden. „Überall respektvolle Menschen.“ Von da an wird die Reise einfacher und bis ins ersehnte Luxemburg ist es nicht mehr weit. Nach insgesamt zehn Tagen kommen sie an.

Job in Beauty-Shop gesucht

Seit einem Jahr sind Hiba und Ziad nun im Land. Kürzlich haben beide Asyl bekommen. Viele Flüchtlinge atmen dann durch. Bis sie eine Arbeit gefunden haben, bekommen sie das Garantierte Mindesteinkommen (RMG). Doch wer unter 25 ist, fällt raus. Ziad und Hiba bekommen nun nicht einmal mehr die 25 Euro Taschengeld im Monat. Zugleich wird ihnen deutlich gemacht, dass es gut wäre, wenn sie bald aus der Flüchtlingsunterkunft ausziehen würden, da sie nun ja anerkannte Flüchtlinge sind. Aber wohin? Und von welchem Geld?

Hiba wurde an der Universität Luxemburg angenommen. Ab dem Wintersemester wird sie Mathematik studieren. Nebenbei möchte sie jobben. Ziad würde gerne wieder in einem Beautyshop arbeiten wie früher. Er war Parfümberater, Boutique Manager, Makeup- und Beauty-Advisor. Aber er möchte anfangs nicht wählerisch sein. „Ich möchte nur wieder auf eigenen Beinen stehen.“


Kontakt zu Ziad oder Hiba kann über die Redaktion aufgenommen werden: jan.soefjer[at]journal.lu