NIC. DICKEN

Vor Jahresfrist hatte Xavier Bettel als Chef der neuen Dreiparteienregierung, der man sehr schnell den Namen „Gambia-Koalition“ verpasst hatte, in seiner ersten Erklärung zur Lage des Landes eine schier unüberschaubare Liste von Betätigungsfeldern aufgedeckt, derer sich die neue Ministerriege größtenteils unter hohem Zeitdruck zuwenden müsse, weil erforderliche Entscheidungen und Lösungen allzu lange verzögert und verschleppt worden waren.

Der Premier hatte damals die Lösungsansätze skizziert, Wege zur Bewältigung der Herausforderungen aufgezeichnet und die Verantwortlichkeiten klar zugewiesen. Mittlerweile sind zahlreiche dieser Baustellen konkret in Angriff genommen worden, bei anderen steht die Entscheidungsfindung mit anschließender Inangriffnahme kurz bevor.

Wer dies bei den Ausführungen des Staatsministers vor dem Parlament heraushören wollte, der brauchte dafür nicht unbedingt ein sonderlich feines Gehör. Wer allerdings darauf gewartet oder damit gerechnet hatte, dass er eine neue, womöglich noch längere Liste mit Handlungsschwerpunkten aus dem Ärmel zaubern würde als ein Jahr zuvor, der musste sich, wie die Oppositionsparteien quasi unisono bekundeten, unbefriedigt in die Motzecke zurückziehen.

Die vorgegebene Richtung steht. Fakt ist aber auch: Wenn die neue Koalition so viele Änderungen und tiefere Reformen innerhalb so kurzer Zeit in Angriff nehmen musste, dann spricht das nicht unbedingt für den Schaffenseifer der vormaligen Regierungen, die doch offensichtlich die Zügel etwas bzw. viel zu lange hatten schleifen lassen. Frei nach dem Motto „I red‘ bloß drüber!“ waren Jahr um Jahr neue Akzente gesetzt, neue Versprechungen gemacht, neue Verbalakrobatien vollbracht worden, die allerdings immer wieder die konkrete Umsetzung und Verwirklichung vermissen ließen. Der junckerschen Semantik verdanken wir viele klingende Wortplätzchen, wie etwa das „Große Probleme muss man lösen, solange sie noch klein sind“, doch belegen Bereiche wie Arbeits- und Wohnungsmarkt, dass derartiges schneller gesagt als getan ist.

Vor allem die größte Oppositionspartei, die über Jahrzehnte hinweg die Zügel des Landes in Händen hielt, sollte mit etwas mehr Realitätsbewusstsein zu Werke gehen. Ein schwer beladener Tanker, der auf offener See in die falsche Richtung steuert, braucht eine sehr lange Bremsstrecke auf dem alten Kurs, bevor endlich dann die Richtung gewechselt beziehungsweise sogar umgekehrt werden kann. Wem dieses Manöver jetzt zu lange dauert, der muss sich auch die Frage gefallen lassen, warum er selbst zuvor bis zum Schuss an der Antriebsbefeuerung mitgewirkt hat, die in die falsche Richtung führte.

Und wenn Premier Bettel die Parlamentstribüne genutzt hat, um Werbung zu machen für die Zustimmung zu einer bedingten Ausweitung des Wahlrechtes, dann tat er dies vielleicht aus der Einsicht heraus, dass neue Kräfte mobilisiert werden müssten, um am gewaltigen Reformvorhaben mitzuwirken.

Statt gefälliger Worthülsen eben konkretes Handeln zu beginnen.

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