LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Immer mehr Betriebe aus Luxemburg drängen in die Großregion

Mit 22 Prozent der Unternehmen, 23 Prozent der Gesamtbeschäftigung und etwa neun Prozent der Gesamtwertschöpfung ist das Handwerk ein Pfeiler der hiesigen Wirtschaft. Aber auch der Gesellschaft. Schließlich hat jeder Bürger täglich auf die eine oder andere Art mit Handwerkern zu tun. Es ist diese Nähe zum Kunden aber auch zu Versorgern aus der unmittelbaren Nachbarschaft oder aus der Region, die diesen Pfeiler besonders stark und krisenresistent macht. „Im Handwerk sprechen wir nicht über Delokalisierungen“, sagte gestern Norry Dondelinger, Leiter der Wirtschaftsangelegenheiten bei der „Chambre des Métiers“ anlässlich der Vorstellung der Branchenzahlen 2017.

Drei Viertel sind Selbständige oder Mikro-Unternehmen

Insgesamt hat die Zahl der Betriebe in diesem sehr diversifizierten Sektor um 269 auf nunmehr 7.303 zugenommen. Wobei der Prozentsatz der Unternehmen ohne Angestellte - wo der Chef also alles selbst in die Hand nimmt - weiterhin steigt. Die Quote solcher Betriebe an der Gesamtzahl der handwerklichen Firmen liegt nunmehr bei 35 Prozent, 2000 erreichte sie noch 29 Prozent. 41 Prozent der Betriebe im Handwerk sind übrigens Mikro-Unternehmen mit einem bis neun Angestellten. Nur ein Prozent sind Großunternehmen mit mehr als 249 Mitarbeitern. A propos Mitarbeiter: Die Branche beschäftigte im vergangenen Jahr 91.563 Personen, davon 6.539 Selbständige. 61.496 Personen arbeiten im Bauhandwerk. Der geringste Teil von ihnen - 14 Prozent - ist Luxemburger. Bemerkenswert ist, dass 2017 die Marke von 50 Prozent Grenzgängern unter den Arbeitnehmern im Handwerk erreicht wurde. Während zahlreiche Betriebe aus Deutschland, Belgien und Frankreich am luxemburgischen Markt tätig sind - manche haben sogar Niederlassungen hierzulande gegründet - drängen aber auch immer mehr Betriebe aus dem Großherzogtum in die Märkte der Nachbarländer. Eine Umfrage, an der rund 1.000 luxemburgische Handwerksunternehmen teilgenommen hat zeigt, dass zwei von fünf grenzüberschreitend tätig sind. Vor allem Betriebe aus der Baubranche wagen sich in die Großregion vor. Während die großen Unternehmen längst da sind, steigt auch der Anteil der Kleinstbetriebe, die Kunden in den umliegenden Ländern gewinnen möchten. Rund sieben Prozent der befragten Unternehmen haben sich sogar noch viel weiter weg etabliert, in Asien oder Australien etwa. Der Sprung über die Grenzen ist freilich kein leichter.

Binnenmarkt mit Hürden

„Es gibt zwar einen europäischen Binnenmarkt, aber 28 verschiedene Gesetzgebungen“, hob Elke Hartmann hervor. Die Leiterin der Abteilung Europäische Angelegenheiten und Großregion der „Chambre des Métiers“ und ihr Team stehen den ins Ausland strebenden Betrieben tatkräftig zur Seite, um die bürokratischen Hürden zu nehmen und die richtigen Partner zu finden. Unterstützung finden die Handwerker bei ihrer Berufskammer auch, um die anderen Herausforderungen zu meistern, welche die Branche betreffen. Das ist zum einen die Digitalisierung, wie Handwerkskammer-Präsident Tom Oberweis anführte, aber auch der Fachkräftemangel. Das Handwerk bildet jährlich rund 1.738 Lehrlinge aus, während es rund 650 Kandidaten für einen Meisterbrief gibt.

Sorgen um Nachwuchs

Die Branche wirbt beständig um Nachwuchs, auch Quereinsteiger sind willkommen und sollen einfacher an den Meisterbrief kommen, der ihnen die Selbständigkeit ermöglicht. Das Meisterbrief-System befindet sich übrigens in einer großen Reform, die sich über mehrere Jahre hinziehen wird. Künftig werden es nicht mehr Meisterbriefe pro Beruf geben, sondern pro Handwerksdomäne. Seit dem vergangenen Herbst gibt es einen einzigen Ausbildungsgang Bäcker/Metzger/Pâtissier.

Doch nicht nur die nun genannten Themen bereiten dem Handwerk Sorgen: Es sucht auch händeringend nach Grundstücken für den Aufbau, respektive Ausbau von Betrieben. 90 Hektar würden insgesamt sofort gebraucht, sagte Tom Wirion, der Direktor der „Chambre des Métiers“. Kopfzerbrechen bereiten auch Nationalismus und Protektionismus sowie ein Wettbewerbsverzerrungen, insbesondere durch Sozialdumping. In dieser Hinsicht bedauert die Handwerkskammer, dass die Reform der Gewerbeinspektion auf sich warten lässt.