LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Schüler des „Lycée Aline Mayrisch“, ihre Eltern und Lehrer haben dazu unterschiedliche Ideen

Kaum eine Frage wird so heftig diskutiert wie die von Handys in der Schule. Soll es Teil des Unterrichts sein oder in einer Schachtel verschwinden? Wie sinnvoll ist ein Verbot, wenn gleichzeitig iPads eingeführt werden? Solche Fragen werden auch am „Lycée Aline Mayrisch“ diskutiert - und zwar quer durch alle Klassen. Am Samstag wird ein Runder Tisch, an dem Lehrer, Schüler und Elternvertreter sitzen, darüber abstimmen.

Wir haben vorab einige Eindrücke gesammelt, als die Schülervertreter der Schule die Ergebnisse der Befragung ihrer Klassen vorstellten. Denn jede Klasse musste sich auf eine Position festlegen, die dann vom Klassenvertreter dem Plenum vorgestellt wurde.

„Eine Kiste für Handys ist eine Strafe für die, die nichts gemacht haben“, kritisiert eine Klassensprecherin. Schülerkomitee-Präsident Mich Weber (17) findet das zu platt: „Wir brauchen den Runden Tisch mit Eltern und Schülern.“ Einig sind sich die Schülervertreter schnell darin, dass es einen Unterschied gibt, ob jemand 12 oder 17 Jahre alt ist, denn die jüngeren Schüler nutzen das Handy vor allem für Spiele, manche aber auch für Mobbing. Soll es deshalb in eine Kiste?

„Viele sind der Meinung, dass Handys Privateigentum sind, das man nicht wegnehmen darf“, erklärt die Vizepräsidentin des Schülerparlaments, Estelle Née (18). Dennoch: Wer das Handy im Unterricht missbrauche, der solle sanktioniert werden. „Aber wozu haben wir WLAN in der ganzen Schule, wenn wir es nicht nutzen?“, fragt eine Klassensprecherin.

Die Schüler haben die Diskussion lange vorbereitet und reden schon seit 2015 über das Thema. „Wir wollen das nicht von oben herab entscheiden“, erklärt Estelle. „Schließlich lautet das Motto unserer Schule autonom und verantwortungsbewusst“, ergänzt Mich. Ihm liegt mehr an einer schulinternen Regelung als an einem Gesetz. „Ich finde eine nationale Regel nicht so gut, denn jede Schule ist anders.“ Estelle erzählt von Mobbing in den unteren Klassen, bei dem das Handy eine Rolle spielt, von Filmen und Theatern und der Zusammenarbeit mit der Polizei zum Thema. „Wäre ein Handyführerschein sinnvoll?“, will ein Schüler wissen. Schließlich hat die Schule für die unteren Klassen schon einen Computerführerschein eingeführt, um Missbrauch vorzubeugen.

So unterschiedlich die Meinung der Schülervertreter ist, so breit gefächert ist sie auch bei den Eltern, wie Anneke van Hittersum, Vizepräsidentin des Elternverbandes der Schule, weiß. „Da gibt es alles, von verbieten bis erlauben. Genau so sieht es bei den Lehrern aus. Manche nutzen das Handy konsequent und fordern Schüler auf, dort Prüfungstermine und Ausfälle nachzusehen. Andere wollen es im Unterricht gar nicht benutzen.

Medienpädagogik an der Schule

Solche Unterschiede kennt Judith Reicherzer nur zu gut. Sie ist Medienpädagogin am „Lycée Aline Mayrisch“, hat aber auch als Journalistin Erfahrung, weil sie für die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ sowie die Tageszeitung „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben hat. Reicherzer sowie fünf weitere Lehrer begleitet die Diskussionen, auch medial.

So spielte vergangenes Frühjahr das Thema eine große Rolle, weil die Schüler sich über die Wahl von Trump entsetzt zeigten und etwas zu Fake News machen wollten. An den professionellen Schnittplätzen der Schule machten sie einen Kurzfilm, in dem die Behauptung aufgestellt wurde, dass in Zukunft in jeder Klasse eine so genannte „Black Box“ aufgestellt wird, in die sämtliche Handys der Schüler während des Unterrichts eingeschlossen werden würden. Die über Facebook verbreitet Geschichte sahen sich innerhalb kürzester Zeit 1.200 Leute an. „Es war eine Mega-Aufregung“, erinnert sich Reicherzer. Das Thema Handy war schon damals Reibungsthema. Einigen, wenigen kamen Zweifel. Einen Tag später gab es dann eine Aufklärungsmail und ein Video mit Informationen zu seriösen Quellen, das nicht umsonst den Titel „Stand up for your values“ trug.

„In der Fachrichtung Medienpädagogik gehen wir entsprechend dem Alter auf Fragen zu Medien ein“, erklärt Reicherzer. So spielt in der 7ième Cybermobbing eine Rolle, in der 2ième und 4ième Pressefreiheit und in Workshops praktische Arbeit. Eine Schülerzeitung gibt es am Lycée schon lange nicht mehr, wohl aber eine wöchentliche Radiosendung und alle fünf Tage ein Video. „Wenn sie mit journalistischen Mitteln arbeiten, lernen die Schüler viel. Die Quellen, die zweite Meinung - das macht viel aus“, hat die Medienpädagogin gemerkt.

Beim Thema Handy laufen seit Oktober 2017 Diskussionen. „Wir nutzen das Handy viel im Unterricht“, unterstreicht Reicherzer. Ihre Kollegin Michèle Backes, die Deutsch unterrichtet, setzt das Handy beispielsweise bei Schreibprojekten, zum Nachschlagen von Wörtern oder bei Podcasts von Gedichten ein. „Ich könnte nur schwer darauf verzichten“, sagt sie. Auch Buchbesprechungen per Handy als Book-Video laufen derzeit. Es ist ein Pilotprojekt der Schule gemeinsam mit der Librairie Ernster, die dafür Neuerscheinungen zur Verfügung stellt. Technologie und Buch: Da sieht Backes keinen Widerspruch. „Es wird sehr viel gelesen.“

„Die Schüler sind sehr interessiert an aktuellen Themen. Als der Bataclan-Anschlag 2015 in Paris lief, hatten sie die Bilder gesehen und wollten in der Schule darüber reden“, berichtet Reicherzer. „Als Lehrer müssen wir auch darauf reagieren, auch mit pädagogischem Material.“

Damit auch die Lehrer besser mit dem Thema umgehen können, gab es ein Training von Zachary Walker, der derzeit am „National Institut of Education“ in Singapur unterrichtet. Walker ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Nutzung von Technologie im Unterricht und hat zahlreiche Preise erhalten. Zwei Tage lang schulte er sowohl Eltern als auch Lehrer. Das zeigt: Die Schule sucht nach Lösungen, ist offen, macht es sich aber auch nicht einfach. Walker gab viele praktische Tipps: Wie Schüler damit Fotos sammeln, wann sie es vorzeigen müssen und wann umgedreht hinlegen.

Ein anderer Impuls kam von einem Schüler, der in den USA war. „Dort haben alle Schüler in der Schule ein iPad, aber das Handy ist verboten“, berichtet Reicherzer.

So weit ist das Lycée nicht. Hier sollen Regeln gefunden werden. Wenn die Schule am Samstag abstimmt, geht es nicht gegen eine Gruppe, sondern um die beste Lösung. Und das ist kein einfacher Weg.