WILTZ
CLAUDE MÜLLER

Das „Paolo Fresu Quintet“ auf dem Festival Wiltz

Die Jazzpuristen und langjährigen Anhänger der über die Grenzen hinaus bekannten „Jazz Prestige-Soiree“ des Wiltzer Festivals konnten bei der Ankündigung des diesjährigen Programms aufatmen. Endlich war es den Organisatoren wieder gelungen, einen großen Namen der internationalen Jazzszene zu verpflichten. Nach den Auftritten der eher im Bereich des Varietee anzusiedelnden Sängerinnen Youn Sun Nah und Cecil McLorin Salvant stand am Sonntagabend der italienische Startrompeter Paolo Fresu mit seinem Quintett auf der Bühne, wo der wohl bekannteste Musiker der Geschichte des neueren Jazz Miles Davis eines seiner letzten Konzerte gab. Natürlich hätte man sich gewünscht, dass eine eher legendäre Formation, wie zum Beispiel das Keith Jarrett Trio, das in diesem Jahr seine letzten Auftritte absolviert, den Weg nach Wiltz finden würde, um die Serie der Wiltzer Jazzabende fortzusetzen.

Perpetuum mobile-ähnlicher Rhythmik

Gespannt sein durfte man auf die Ausführungen des luxemburgischen Musikers Maurice Clement, der sich selbst als Vermittler seiner „inneren Partitur“ sieht. Mit fesselnder, atemberaubender, Perpetuum mobile-ähnlicher Rhythmik und effektvollen Clusterklägen faszinierte Clement während der ersten 20-minütigen Improvisation, die durch ein gut durchdachtes Konzept überzeugte. Auch die nicht so hektische zweite Einlage bestach durch eine fühlbare Sehnsucht nach Harmonie und ruhige ausgeglichenen Momente voller Spannung. Zum Abschluss der 45-minütigen Soloperformance erlebten wir noch einmal ein Resümee einer Musik, die durch eine bestens konstruierte Mischung aus Dissonanzen, feurigen fantasievollen Passagen und dem Wechsel von Zerstörungswut und hymnischen Oden an die Freiheit ohne pastelliges Ungefähr lebt. Eine starke Arbeit, die am Ende mit gebührendem Applaus belohnt wurde.

Cooler Sound der gedämpften Trompete

Auch der zweite Teil des ansprechenden Konzertevents stellte die leider nicht zahlreich erschienenen Zuhörer mit leicht zugänglicher Musik vollends zufrieden. Mit Charles Trenets Ohrwurm „Que reste-t-il de nos amours“ eroberte Fresu gleich zu Beginn die Herzen der Anhänger einer unbeschwerten, nostalgischen und leicht zugänglichen Variante des Jazz. Mit dem coolen Sound der gedämpften Trompete und den sparsamen Phrasierungen zeigte Fresu seine Stärke und umspielte geschickt die kompakten Harmonien des Pianisten Roberto Cipelli in publikumswirksamer Manier, die manchmal fast glauben ließ, Miles persönlich sei auferstanden. Aber auch der Einfluss eines Don Cherry ließ sich bei kurzen angriffslustigen Momenten nicht verleugnen, hatte doch selbst der indische Perkussionsguru den Sarden für seine Hommage an den Free-Jazztrompeter verpflichtet. Alle weiteren Kompositionen stammten aus der letzten Produktion des Leaders - „30!“-, die das 30-jährige Jubiläum des „italienischen Quintetts“, wie die Formation in Frankreich genannt wird, zelebriert.

Volksnahe Darbietung

Leider spielte die Band nur knappe 70 Minuten, wobei, nach einem ausgedehnten Schlagzeugsolo von dem sonst dezent im Hintergrund agierenden Ettore Fioravanti, in einem eher Jam Session-artigen Finale, das auf dem simplen zwölftaktigen Bluesschema basierte, vor allem Tenor- und Sopransaxofonist Tino Tracanna, im Wechsel mit dem melodiösen, weichen Spiel von Fresu auf dem Flügelhorn eine leicht zugängliche Probe seines Könnens geben konnte. Alles in allem bot die routiniert und unspektakulär musizierende Crew eine gezähmte, volksnahe Darbietung von freundlichem New-Mainstream, die wohl besser im Ambiente eines intimen Clubs als auf einer großen Festivalbühne zur Geltung gekommen wäre.

Belohnt wurde man als Zugabe mit einer charmanten Version einer Arie aus Puccinis „La Bohème“, die den stabilen Bassisten Attillio Zanchi in den Vordergrund stellte.