WOLFSBURG/BERLIN
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Matthias Müller soll den VW-Konzern aus der Vertrauenskrise führen

N ach seiner Sitzung gab der VW-Aufsichtsrat gestern Abend bekannt, dass wie vermutet der jetzige Porsche-Chef Matthias Müller Nachfolger des zurückgetretenen Martin Winterkorn als Chef des VW-Konzerns wird. Europas größter Autobauer hatte zugegeben, dass weltweit elf Millionen Motoren vom Typ EA 189 mit einer Software zur Manipulierung des Schadstoffausstoßes ausgestattet sind. Als Konsequenz aus dem Skandal hatte VW-Chef Martin Winterkorn seinen Posten geräumt.

Der neue Chef werde seine Aufgabe „mit ganzer Kraft angehen“, sagte der Interimsvorsitzende des Kontrollgremiums, Berthold Huber. Der 62-Jährige Müller muss VW nun aus der schweren Vertrauenskrise führen, die die Affäre um manipulierte Messwerte bei Abgasen von Dieselmotoren in den USA ausgelöst hatte. Nach Angaben von VW sind weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen. Winterkorn hatte am Mittwoch sein Amt zur Verfügung gestellt.

Vertriebsvorstand Christian Klingler verlässt den VW-Konzern „aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsstrategie mit sofortiger Wirkung“. Die Marken weltweit sollen in den einzelnen Regionen mehr Verantwortung bekommen. Den Vertrieb auf Ebene des Gesamtkonzerns soll Müller zusätzlich „kommissarisch leiten“. Die Krise bei Volkswagen wirkt sich neben Audi auch auf weitere Töchter wie Skoda und Seat aus. Innerhalb des Konzerns teilen sich die Unternehmen etliche Bauteile, darunter Motoren und Getriebe. Eine vollständige Liste der betroffenen Modelle gibt es noch nicht. Andere Hersteller wie BMW, Daimler oder Opel betonten, sich strikt an die geltenden Abgasregeln zu halten.

Finanzchef wechseltin Aufsichtsrat

Der bisherige VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch soll trotz des Abgas-Skandals wie geplant in den Volkswagen-Aufsichtsrat gewählt werden. Dies erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus Teilnehmerkreisen der Sitzung des Aufseher-Gremiums in Wolfsburg.

Damit hätte der Anfang September veröffentlichte Vorschlag des Präsidiums und des Nominierungsausschusses des Aufsichtsrates Bestand. Die Gremien hatten Pötsch als Nachfolger des geschassten VW-Patriarchen Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrates vorgeschlagen.

Seit Piëchs Rücktritt im Frühjahr hat den Posten übergangsweise der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber inne.

Offen ist dagegen, wer Pötschs Chefsessel als VW-Finanzchef übernehmen soll. Nach Ansicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer sollte Pötsch jedoch wegen der Abgas-Affäre nicht mehr an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln. Um den Skandal rückhaltlos aufzuarbeiten, brauche man gerade an der Spitze des Aufsichtsratsgremiums einen unabhängigen Kopf, der nicht in die VW-Machtstrukturen verstrickt sei, sagte der Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen dem Sender n-tv.

Die frisierten Verbrauchszahlen

Wie der deutsche Autofahrerclub ADAC gestern bekannt gab, hat er in eigenen Abgastests bei Dieselautos nicht nur von VW, sondern verschiedener Hersteller, teils massive Überschreitungen der europäischen Grenzwerte festgestellt. Im gravierendsten Fall habe der Stickoxid-Ausstoß um mehr als den Faktor 16 über dem für Diesel-Pkw der Abgasnorm Euro sechs zulässigen Wert von 80 Milligramm pro Kilometer gelegen. Bei vielen anderen der getesteten Modelle seien die Überschreitungen aber deutlich geringer. Im gesetzlich vorgeschriebenen Testverfahren hätten alle Autos die Grenzwerte eingehalten. Neue Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT) sollen zeigen, dass die Kohlendioxid (CO2)-Emissionen und damit auch der Kraftstoffverbrauch neuer Pkw-Modelle in Europa im Alltagsbetrieb durchschnittlich um etwa 40 Prozent höher liegen, als die unter Laborbedingungen ermittelten offiziellen Werte.

Diskussion um Dieselund „Made in Germany“

Die Autoindustrie ist eine Schlüsselbranche in Deutschland. 2014 erwirtschafteten Hersteller und Zulieferer nach Angaben des Branchenverbands VDA Umsätze von fast 368 Milliarden Euro. Die Unternehmen gehören auch zu den wichtigsten Arbeitgebern. Insgesamt beschäftigten die verschiedenen Firmen - von großen Konzernen wie Volkswagen bis hin zu kleinen Zulieferbetrieben - 2014 im Schnitt fast 775.000 Menschen, knapp eine halbe Million davon allein bei den Autoherstellern. Auch im Ausland sorgt die Branche für viele Jobs. Eine Ausweitung des Skandals könnte diese Jobs gefährden, fürchten manche.

In der Diskussion um manipulierte Abgastests bei Volkswagen hat der Chef des Münchner Wirtschaftsinstituts Ifo, Hans-Werner Sinn, die US-Automobilindustrie scharf kritisiert. Über Jahrzehnte hätten die Amerikaner versucht, „die kleinen und effizienten Dieselmotoren für Pkw durch immer weiter verschärfte Stickoxid-Grenzen vom Markt fernzuhalten, weil man selbst die Technologie nicht beherrschte“, sagte Sinn dem „Handelsblatt“. Gegen die „Stickoxid-Schleuderei der eigenen Trucks“ wiederum habe man in den USA nichts, so der Ifo-Präsident. „Nun hat sie endlich den gewünschten Erfolg. Der Diesel-Motor ist wieder weg. Meinen herzlichen Glückwunsch.“