STUTTGART
CHRISTIAN SPIELMANN

Hässlich, bucklig, menschlich: Disney-Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ in Stuttgart

Eine der bekanntesten Figuren der Weltliteratur ist Quasimodo. Erschaffen wurde sie 1831 von Victor Hugo für „Notre-Dame de Paris“, ein Roman, der etliche Mal verfilmt oder für die Bühne adaptiert wurde, sowohl als Theaterstück, Oper oder Musical.

Der Name des berühmten Glöckners geht auf den lateinischen Begriff „Quasimodogeniti“ zurück, mit dem der erste Sonntag nach Ostern oder der zweite Sonntag der Osterzeit bezeichnet wird. Quasimodos Ziehvater, der Erzdiakon Claude Frollo, nannte ihn so. Sein leiblicher Vater war Frollos Bruder Jean. Quasimodo steht als Inbegriff für das Hässliche. Daher werden die Menschlichkeit und die Gefühle des buckligen Glöckners vor allem von der Pariser Bevölkerung, die ihn wegen seiner Missgestaltung verabscheut, übersehen.

Disneys Fassung von Hugos Meisterwerk

Das Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ basiert auf dem Animationsfilm „The Hunchback of Notre Dame“ (1996) von Kirk Wise und Gary Trousdale. Es war die erste Disney-Show, die außerhalb der USA uraufgeführt wurde. In Berlin war ein neues Theater am Potsdamer Platz erbaut worden, wo am 5. Juni 1999 dieses Musical mit der Musik von Alan Menken und den Texten von Stephen Schwartz Premiere feierte. Das Theater wird heute übrigens nur noch für das Berliner Filmfestival genutzt.

Die Show lief drei Jahre, musste sich aber viele Kritiken gefallen lassen. Vergangenes Jahr wurde dann eine von Menken und Schwartz überarbeitete Fassung im Theater des Westens in Berlin präsentiert, mit einem neuen Buch von Peter Parnell, unter der Regie von Scott Schwartz. Die deutsche Fassung stammt von Michael Kunze. Das Musical ist nun im Stuttgarter Stage Apollo Theater zu sehen.

Die Handlung entspinnt sich zunächst um ein ungleiches Brüderpaar: Die Wege der Brüder Claude (Felix Martin) und Jehan Frollo (Johannes Kiesler) trennen sich. Claude wird als Erzdiakon der Kathedrale Notre Dame der mächtigste Geistliche in Paris, während Jehan sein Leben mit einer farbigen Frau bestreitet. Erst als Jehan auf dem Sterbebett liegt, ruft er Claude zu sich, um ihm seinen entstellten Sohn anzuvertrauen, den Frollo in der Kathedrale großzieht. Quasimodo (Jonas Hein) läutet die Glocken und ist von ihrem Klang fast taub geworden.

In seiner Einsamkeit redet Quasimodo mit den Wasserspeiern im Glockenturm. In Berlin waren es drei solcher Steinfiguren, Antoine, Charles und Loni. In der neuen Fassung verzichtet man nicht ganz auf sie, aber sie agieren nicht mehr einzeln, sondern kollektiv als Gewissen von Quasimodo. Die Ensemble-Mitglieder tragen als Wasserspeier graue Kutten, die sie abgelegen, wenn sie in andere Rollen schlüpfen.

Quasimodo begegnet beim Fest der Narren Clopin (Gavin Turnbull), dem Anführer der Pariser Bettler, und der Zigeunerin Esmeralda (Mercedesz Csampai). Sie hat als einzige Mitgefühl für ihn, als er ausgepeitscht wird. Hauptmann Phoebus (Maximilian Mann) verliebt sich in die attraktive Frau, genau wie Frollo, der alle Machtmittel nutzt, um sie ihm hörig zu machen.

Viele neue Songtexte

In der neuen Fassung entspringen die einzelnen Charaktere nicht mehr dem Zeichentrickfilm, sondern der literarischen Vorlage von Victor Hugo. Ein großartiger Jonas Hein - er alterniert mit David Jakobs, der noch bis Ende April die Erstbesetzung ist - spricht den Glöckner mit einer wässrigen Stimme, um im Gesang als Mann zu erklingen. Quasimodos liebt Esmeralda innig, weiß aber, dass sie Phoebus mag und akzeptiert dies. Er hat sein Herz am rechten Fleck, und als er Frollos Absichten erkennt, versucht er Esmeralda zu retten. Am Schluss könnten viele Augen feucht werden, weil die Pariser Bevölkerung durch einen Akt der Solidarität zeigt, dass Quasimodo ihren Respekt gewonnen hat.

Die Ungarin Mercedesz Csampai kann als Esmeralda schauspielerisch und gesanglich gefallen. Felix Martin spielt und singt seine fiese Rolle mit großem Können und wunderbarer Stimme. Maximilian Mann überzeugt als Hauptmann ebenfalls.

Viele Songs haben neue Texte erhalten, aber die schönsten stammen immer noch aus dem Film, wie „Der Klang von Notre Dame“, „Hilf den Verstoß’nen“ und „Oben fern von der Welt“. Einige nachkomponierte Lieder können ebenfalls gefallen, wie „Rhythmus meines Tambourins“. Somit ist diese Neufassung in Stuttgart nicht zu verpassen, dort, wo auch noch „Bodyguard“ läuft.

Weitere Informationen und Tickets unter www.stage-entertainment.de