LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Niederanven war am Wochenende die Nordic Walking-Kapitale – Wie es dazu kam und was die Fitnessmethode bringt

Die Bewegung, die bei den Sportlern so fließend aussieht, die an diesem Samstagnachmittag auf einer Wiese beim Kulturzentrum in Niederanven trainieren, kommt nicht gleich von selbst. Als Novize muss sich schon konzentrieren, um die Stöcke im richtigen Moment aufzusetzen und den richtigen Druck auszuüben, ohne dass der Marsch-Rhythmus durcheinander kommt.

Ganzer Körper beansprucht

Auf jeden Fall lohnt es sich, durchzuhalten, bis die Bewegung in Fleisch und Blut übergeht, denn wer Nordic Walking beherrscht, beherrscht ein Ganzkörpertraining, das man für wenig Geld jederzeit an jedem Ort betreiben kann. Nordic Walking beansprucht nämlich nicht nur die Beinmuskeln, sondern durch den Einsatz der Stöcke auch den gesamten Oberkörper - Brust-, Arm- und Schultermuskeln, aber auch Rücken und Bauch. Der Puls steigt höher, als beim normalen Gehen und der Körper benötigt Studien zufolge bis zu 46 Prozent mehr Energie. Das Resultat: eine einfache Fitnessmethode, die bereits in kurzer Zeit viele Kalorien verbrennt.

Wie’s richtig geht demonstrierte am Samstag in Niederanven kein geringerer als Marko Kantaneva. Der große Finne hat Mitte der 1990er am Finnischen Sportinstitut das Nordic Walking entwickelt. Nicht etwa als Sommertrainingsmethode für Skilangläufer, wie manchmal im Internet kolportiert wird, sondern als softe Sportmethode für Menschen, die sich nicht genügend bewegen und nach Linderung für die Konsequenzen ihrer Bewegungsarmut suchten.

„Coach potatoes“ motivieren

„Das Ziel ist nicht ein neuer Rennsport, sondern so viele ‚couch potatoes‘ wie möglich zur Bewegung zu bringen“, erklärt Kantaneva. Mittlerweile gibt es zwar auch kompetitives Nordic Walking – so gab es am Samstagmorgen ein „World Cup“-Rennen in Niederanven (s. Rahmen) – aber der Fokus liegt auf dem Freizeitsport und auf der Rehabilitierung.

Marko Kantaneva tourt heute als Botschafter und Trainer für Nordic Walking durch die Welt. Beim finnischen Ski- und Hockeystöcke-Hersteller Exel war er an der Entwicklung der ersten Nordic Walking-Stöcke beteiligt. Heute bestehen sie meist aus Karbon oder Aluminium und sind meist verstellbar.

Kantaneva hat das erste Buch über die Trainingsmethode verfasst und das erste Trainer-Ausbildungsprogramm aufgebaut. Um die Jahrtausendwende herum hat er bei einem internationalen Master-Trainerkurs auch Jutta Kanstein kennen gelernt. Sie ist die Gründerin und heute noch eine der treibenden Kräfte hinter der Nordic & Walk asbl, die am Wochenende ihr 20. Jubiläum feierte.

Lëtzebuerger Journal

Wie Nordic Walking nach Luxemburg kam

„Es war ein kleiner Artikel in einem Gesundheitsmagazin, der mich zum Nordic Walking brachte“, erzählt Kanstein. Sie habe sich dann darum gekümmert, Stöcke zu bekommen, die es damals in Luxemburg noch nicht auf dem Markt gab. Das Fitnesstraining wurde allerdings schnell populär. Dazu hätten auch eine Fernsehreportage maßgeblich beigetragen, sagt die Fitnesstrainerin, die Nordic Walking auch viel bei der Arbeit mit Herzpatienten einsetzt.

„Ohne das Training würde es mir heute nicht so gut gehen“, ist etwa Nico, einer dieser Patienten, überzeugt. Er ist dreimal die Woche mit seinen Stöcken unterwegs.

Soziales wird groß geschrieben

„Mäßige, aber regelmäßige Bewegung bringt viel“, erklärt Jutta Kanstein, für die Nordic Walkling auf vier Pfeilern beruht: „Freizeit und Soziales, wobei sie Letzteres groß schreiben müssen, Prävention, Rehabilitation und Wettbewerbssport“. Am Nordic Walking-Wochenende in Niederanven war auch ein weiterer Aspekt dabei: die Inklusion. Denn auch Menschen mit einer Behinderung marschierten mit. So war eine kleine Delegation der APEMH vertreten, aber auch aus dem österreichischen Judenburg, mit dem Niederanven eine Städtepartnerschaft pflegt, waren solche Nordic Walker angereist.

Überhaupt waren die Nordic Walking-Tage in Niederanven, die auch von interessanten Fachvorträgen zu Bewegung und gesunder Ernährung geprägt waren, sehr international: für die World-Cup-Rennen hatten sich an die 100 Teilnehmer angemeldet, wie gesagt aus Österreich und Luxemburg, aber auch aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien, Russland, Polen, der Ukraine und sogar aus Kasachstan.

Nordic Walking World Cup Tour

Marschieren in acht Ländern

Zum ersten Mal war am Wochenende die Nordic Walking World Cup Tour in Luxemburg zu Gast. Bei der von der „World Original Nordic Walking Federation“ ausgerichteten Weltmeisterschaft handelt es sich um eine Reihe von acht Rennen in verschiedenen Ländern. Los ging es Ende März im spanischen Girona. Danach standen Kiev (Ukraine), St. Petersburg (Russland), Savonlinna (Finnland), Perpignan (Frankreich) und Moskau (Russland) auf dem Programm. An diesem Samstag geht die Meisterschaft im polnischen Suchy Bor zu Ende. Die Wettbewerbe, für die Marko Kantaneva ein gemeinsames Regelwerk entworfen hat, sind in Distanzen aufgegliedert. In Niederanven konnten so 5,5, elf und 22 Kilometer absolviert werden. Neben Frauen- und Männerrennen gibt es aber auch Rennen in verschiedenen Alterskategorien. In Perpignan, erzählt Kantaneva, war sogar ein über 90-jähriger dabei.
 www.nordicwalkingworldcup.com